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Inhalt:
Paul Spiegel, den Johannes Rau als "Glücksfall für
unser Land" würdigte, ist in der jüdischen
Tradition verwurzelt. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht,
der Öffentlichkeit die Grundzüge des Lebens und
des Glaubens der Juden verständlich zu machen, weil er
überzeugt ist, dass Toleranz und friedliches Zusammenleben
nur möglich ist, wenn jeder weiß, was der andere
denkt und fühlt.
Er
gibt hier Antworten auf Fragen, die ihm immer wieder gestellt
werden.
Er erzählt von jüdischer Religion und Geschichte,
erklärt Riten und Festtage, die Rolle der Familie und
des jüdischen Humors, und natürlich behandelt er
auch aktuelle Fragen, die wie nach der Bedeutung des Staates
Israel für die Juden in aller Welt und die nach der Möglichkeit,
als Jude in Deutschland zu leben.
Mit
diesem umfassenden, auf eigener Erfahrung beruhenden Buch
leistet Paul Spiegel einen wichtigen Beitrag zur Verwirklichung
einer Gesellschaft, in der Vorurteile durch Kenntnis voneinander
überwunden werden.
(©
2003 Ullstein Verlag)
Buchbesprechung
- Rezension:
Mit diesem Buch widmet sich Spiegel einem in seiner Komplexität
schwierigen Thema, das zudem durch die historischen Gegebenheiten
stark belastet ist. Aus seiner kompetenten Perspektive möchte
er über Glaubens- und Lebensvorstellungen seiner Religionsgemeinschaft
aufklären. Wie er selber in der Einleitung betont, muss
das vorliegende Buch im Sinne der Übersichtlichkeit zwangsläufig
fragmentarisch bleiben. Gleichwohl spricht er im Verlaufe
seines Buchs für das spezielle Anliegen wichtige Punkte
an.
Systematisch
beschreibt Spiegel dabei Aspekte seiner Weltsicht. Er bezieht
dabei eindeutig Stellung auch zu "innerjüdischen"
Positionen, die von seiner eigenen abweichen. Die hauptsächlichen
Unterschiede zwischen diesen unterschiedlichen Ansichten -
etwa zwischen Orthodoxie und liberalem Judentum - arbeitet
er heraus, ohne aber eine Bewertung im Sinne von "richtig"
oder "falsch" vorzunehmen. Durch seine eigene Positionsbestimmung
kann der Leser jedoch seine Einschätzungen erahnen. Zwar
unterlaufen ihm dabei in der Abgrenzung von anderen Glaubensgemeinschaften
vereinzelt Fehleinschätzungen bzw. Ungenauigkeiten -
als Beispiele seien hier nur seine Aussagen zum Bilderverbot
im Christentum genannt, das er fälschlicherweise generell
als nicht existierend bezeichnet (S. 112, erinnert sei nur
an die Bilderstürmer der Reformationszeit und die "Kargheit"
reformierter Gotteshäuser) und zur Einschätzung
jüdischen Glaubens aus "christlicher Sicht"
(S. 225) - doch bleiben derartige "Unsauberkeiten"
eher geringfügig. Viel wichtiger ist das im Großen
und Ganzen um deutlich Gerechtigkeit und Aufklärung bemühte
Aufzeigen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den
Glaubensrichtungen.
Spiegel
stellt in den Kapiteln sowohl die historischen als auch die
religiösen Erfahrungen und Überzeugungen der Juden
in zwar deutlich verkürzter, aber allgemein verständlicher
Form vor, was exakt seinem Anliegen entspricht. Das betrifft
sowohl die Stationen individuellen als auch kollektiven Lebens.
Er bemüht sich dabei, Klarheit zu schaffen, über
Hintergründe zu informieren und seine Denkweise vorzustellen.
Sein offenkundiges Anliegen, zu informieren und Wissbegier
zu erzeugen, prägt dabei das gesamte Buch. Der Leser
bekommt zwar nicht "auf alle seine Fragen" Antworten,
was indes auch kaum möglich sein dürfte, wird aber
zu einer weitergehenden Auseinandersetzung mit dem Judentum
angeregt. Entsprechend seinem Anliegen erfüllt somit
das Buch seinen Zweck.
Seine
Differenzierung zwischen Staat und den Menschen, die beispielsweise
im Kapitel "Muss man die Juden mögen? - Antizionismus"
deutlich wird, zeigt, wie sehr er sich darum bemüht,
zwischen Rassismus/Antisemitismus einerseits und individueller
Kritik andererseits zu unterscheiden (S. 284-285). Es gelingt
dem Verfasser dabei, den Unterschied zwischen verallgemeinerndem
Rassismus und - mehr oder weniger – gerechtfertigter
Kritik deutlich zu machen. Dass er individuelle Kritik nicht
ablehnt, sondern zu einer gedanklichen Auseinandersetzung
mit dem kritisierten Gegenstand, aber auch mit der Kritik
selbst auffordert, ist dabei für sein Hauptanliegen förderlich.
Sehr
hervorzuheben ist die differenzierte Haltung gegenüber
"den Deutschen", zumal er derartige Generalisierungen
ausdrücklich ablehnt (S. 274). Dabei ist er sichtlich
um Gerechtigkeit und eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit
dem Antisemitismus bemüht. Auch seine Haltung gegenüber
Deutschland im Kapitel "Wie kann man als Jude in Deutschland
leben?" unterstreicht seine eben nicht generalisierende
Haltung zu diesem Thema. Dabei setzt er sich auch mit den
Positionen von Juden im europäischen und außereuropäischen
Ausland auseinander. Er verschweigt aber auch heutige Probleme
bzw. latente Befürchtungen nicht (S. 301-303). Auch wenn
er hin und wieder eigenen Voreingenommenheiten - was für
jedes Individuum natürlich legitim ist - aufsitzt, gelingt
es ihm, in den wichtigen Passagen recht objektiv zu sein.
Hilfreich war dabei sicherlich auch seine herausragende gesellschaftliche
Stellung. Durch die Betrachtungen in diesem abschließenden
Kapitel erhält das vorliegende Buch einen versöhnlichen
Akzent.
Insgesamt
verständlich geschrieben vermittelt Spiegel kompetent
die Grundvorstellungen und Traditionen seiner Religionsgemeinschaft.
Dabei vermeidet er die Reduzierung seiner Darstellung auf
eine rein sachliche Abhandlung; es gelingt ihm vielmehr, sein
Anliegen bzw. die entsprechenden Inhalte interessant aufzuarbeiten
und geistreich zu präsentieren. Das vorliegende Buch
ist dabei ein auch für Laien interessanter Einstieg mit
einem gut verständlichen Überblick über eine
komplexe Gedankenwelt.
(©
2004 Hans-Ludwig Leers für all-around-new-books.de)
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