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Klappentext:
Adelheid Duvanels Prosa ist so komprimiert wie detailversessen,
die Art, wie sie ihre Figuren behandelt, so liebenswürdig
wie erbarmungslos. Es sind Normalbürger und Außenseiter,
friedliche Charaktere und gewalttätige Sonderlinge,
immer aber Einzelgänger, deren Schicksal von wenigen
Sätzen entschieden wird. Die Menschen geraten unvermittelt
an den äußersten Rand eines sicheren Orts
und kippen hinüber - meistens genau dann, wenn
sie es mit anderen Menschen zu tun bekommen. Mit hoher
atmosphärischer Dichte - und manchmal spürbar
selbst verwundert über ihre Gestalten - erschafft
Adelheid Duvanel ein literarisch erstaunliches Universum.
(©
2004 Nagel & Kimche Verlag)
Fazit:
"Der magere Jochen möchte Isländer
sein; er stellt sich vor, daß er dann das Recht
hätte, zu schweigen und zu fischen." - "Ernestos
Brille war stets schmutzig; er sah die Welt verschwommen,
was ihm nur recht war." - "Vor drei Jahren
ist Verena von den Rädern eines Lieferwagens überrollt
worden; sie hatte das Auto gesehen und ist trotzdem
auf die Straße getreten."
So beginnen Erzählungen
von Adelheid Duvanel; mit einem Satz sind die Protagonisten
mit Namen vorgestellt und charakterisiert. Duvanels
Figuren leiden oft unter Einsamkeit und Entfremdung,
aber sie beklagen sich nie. Man spürt es an den
Übergängen von Wirklichkeit zum Traum, zu
den Wünschen; gleichzeitig haben sie manchmal Angst
vor ihren Visionen, die doch meistens nicht erfüllt
werden und die Enttäuschung nur vergrößern.
Häufig stehen Kinder im Mittelpunkt einer Geschichte,
was nicht verwundert, denn für Kinder ist der Übergang
von Realität zur Fiktion nichts Ungewöhnliches.
Die Figuren haben keine Geschichte
und machen keine Entwicklung durch. Die Erzählungen
wirken wie Momentaufnahmen aus dem Leben von zufällig
Dahergekommenen. Sie sind rätselhaft, skurril.
Sie erinnern an gute Karikaturen, bei denen mit wenigen
Strichen komplizierte politische Situationen zugespitzt
dargestellt werden. Dieser Vergleich ist gar nicht so
weit hergeholt: Duvanel hat eine Lehre als Zeichnerin
absolviert und zeitlebens gezeichnet. Mit dem Schreiben
hat sie erst sehr spät begonnen, und doch sind
ihre Erzählungen ihr künstlerisches Hauptwerk.
Das
Verblüffende und Faszinierende an Duvanels kurzen
Erzählungen ist jedoch ihre Sprache, zu der es
keine Vergleiche gibt. Sie ist so verknappt, dass man
von "Prosaminiaturen" sprechen kann, kurze
Erzählungen wie Gedichte. Kein Wort ist zu viel.
Striche man einen Satz, würde die ganze Geschichte
unverständlich. Gelegentlich passiert dies bei
der Lektüre: Ist plötzlich etwas unklar, hat
man sicherlich im vorausgegangenen Abschnitt einen Satz
oberflächlich überlesen. Peter von Matt schreibt
in einem vorzüglichen Nachwort, in dem er die Sprache
von Adelheid Duvanel erläutert: Ihr gelingt es,
"auf dem kleinsten möglichen Raum die größte
mögliche Verdichtung zu erzielen." Und: "Man
muß Adelheid Duvanel lesen lernen. Dabei lernt
man lesen."
Adelheid Duvanel war verheiratet
und hatte ein Kind. Sie lebte ein bürgerliches
Leben und doch blieb ihr die Not am Rand der Gesellschaft
nicht verborgen, was in jeder Erzählung deutlich
wird. Sie starb wie eine ihrer Figuren: Nachdem sie
reichlich Schlaftabletten geschluckt hatte, erfror die
Sechzigjährige in einer eiskalten Julinacht im
Jahr 1996.
Wer
breite, ausmalende, erzählende Literatur liebt,
wird vielleicht etwas vermissen in Duvanels Literatur-Skeletten;
wer sich jedoch an kreativen Sprachkompositionen berauschen
kann ("Der Himmel schwamm über die Dächer..."
- "Die Wolken drückten die Fensterscheiben
ein und gelangten ins Haus, [sie] scharten sich eilig
um Niklaus, drückten und würgten ihn..."),
der wird bei dieser Autorin voll auf seine Kosten kommen.
Wie bei einem Lyrikband wird man diese Kürzestgeschichten
nicht alle auf einmal hintereinander lesen, sondern
in kleinen Dosen, täglich zwei bis drei vor dem
Schlafengehen. Als Risiken und Nebenwirkungen ist bislang
nur leichtes Suchtverhalten nach mehr Duvanel bekannt.
(©
2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
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