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Roman/Erzählung

Beim Hute meiner Mutter
Erzählungen

Autorin: Adelheid Duvanel

Roman
gebunden mit Schutzumschlag, 173 Seiten
erschienen: 2004
Nagel & Kimche
ISBN: 3-312-00332-6
Preis: 19,90 Euro

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Klappentext:
Adelheid Duvanels Prosa ist so komprimiert wie detailversessen, die Art, wie sie ihre Figuren behandelt, so liebenswürdig wie erbarmungslos. Es sind Normalbürger und Außenseiter, friedliche Charaktere und gewalttätige Sonderlinge, immer aber Einzelgänger, deren Schicksal von wenigen Sätzen entschieden wird. Die Menschen geraten unvermittelt an den äußersten Rand eines sicheren Orts und kippen hinüber - meistens genau dann, wenn sie es mit anderen Menschen zu tun bekommen. Mit hoher atmosphärischer Dichte - und manchmal spürbar selbst verwundert über ihre Gestalten - erschafft Adelheid Duvanel ein literarisch erstaunliches Universum.

(© 2004 Nagel & Kimche Verlag)


Fazit:

"Der magere Jochen möchte Isländer sein; er stellt sich vor, daß er dann das Recht hätte, zu schweigen und zu fischen." - "Ernestos Brille war stets schmutzig; er sah die Welt verschwommen, was ihm nur recht war." - "Vor drei Jahren ist Verena von den Rädern eines Lieferwagens überrollt worden; sie hatte das Auto gesehen und ist trotzdem auf die Straße getreten."

So beginnen Erzählungen von Adelheid Duvanel; mit einem Satz sind die Protagonisten mit Namen vorgestellt und charakterisiert. Duvanels Figuren leiden oft unter Einsamkeit und Entfremdung, aber sie beklagen sich nie. Man spürt es an den Übergängen von Wirklichkeit zum Traum, zu den Wünschen; gleichzeitig haben sie manchmal Angst vor ihren Visionen, die doch meistens nicht erfüllt werden und die Enttäuschung nur vergrößern. Häufig stehen Kinder im Mittelpunkt einer Geschichte, was nicht verwundert, denn für Kinder ist der Übergang von Realität zur Fiktion nichts Ungewöhnliches.

Die Figuren haben keine Geschichte und machen keine Entwicklung durch. Die Erzählungen wirken wie Momentaufnahmen aus dem Leben von zufällig Dahergekommenen. Sie sind rätselhaft, skurril. Sie erinnern an gute Karikaturen, bei denen mit wenigen Strichen komplizierte politische Situationen zugespitzt dargestellt werden. Dieser Vergleich ist gar nicht so weit hergeholt: Duvanel hat eine Lehre als Zeichnerin absolviert und zeitlebens gezeichnet. Mit dem Schreiben hat sie erst sehr spät begonnen, und doch sind ihre Erzählungen ihr künstlerisches Hauptwerk.

Das Verblüffende und Faszinierende an Duvanels kurzen Erzählungen ist jedoch ihre Sprache, zu der es keine Vergleiche gibt. Sie ist so verknappt, dass man von "Prosaminiaturen" sprechen kann, kurze Erzählungen wie Gedichte. Kein Wort ist zu viel. Striche man einen Satz, würde die ganze Geschichte unverständlich. Gelegentlich passiert dies bei der Lektüre: Ist plötzlich etwas unklar, hat man sicherlich im vorausgegangenen Abschnitt einen Satz oberflächlich überlesen. Peter von Matt schreibt in einem vorzüglichen Nachwort, in dem er die Sprache von Adelheid Duvanel erläutert: Ihr gelingt es, "auf dem kleinsten möglichen Raum die größte mögliche Verdichtung zu erzielen." Und: "Man muß Adelheid Duvanel lesen lernen. Dabei lernt man lesen."

Adelheid Duvanel war verheiratet und hatte ein Kind. Sie lebte ein bürgerliches Leben und doch blieb ihr die Not am Rand der Gesellschaft nicht verborgen, was in jeder Erzählung deutlich wird. Sie starb wie eine ihrer Figuren: Nachdem sie reichlich Schlaftabletten geschluckt hatte, erfror die Sechzigjährige in einer eiskalten Julinacht im Jahr 1996.

Wer breite, ausmalende, erzählende Literatur liebt, wird vielleicht etwas vermissen in Duvanels Literatur-Skeletten; wer sich jedoch an kreativen Sprachkompositionen berauschen kann ("Der Himmel schwamm über die Dächer..." - "Die Wolken drückten die Fensterscheiben ein und gelangten ins Haus, [sie] scharten sich eilig um Niklaus, drückten und würgten ihn..."), der wird bei dieser Autorin voll auf seine Kosten kommen. Wie bei einem Lyrikband wird man diese Kürzestgeschichten nicht alle auf einmal hintereinander lesen, sondern in kleinen Dosen, täglich zwei bis drei vor dem Schlafengehen. Als Risiken und Nebenwirkungen ist bislang nur leichtes Suchtverhalten nach mehr Duvanel bekannt.

(© 2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

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