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Inhalt:
Mit allen Finessen des virtuosen Bühnenschriftstellers
erzählt Bennett die Geschichte eines englischen
Middleclass-Ehepaars: Mozart spielte in ihrer Ehe eine
wichtige Rolle. Sie hatten keine Kinder, und ohne Mozart
hätten sie sich wahrscheinlich schon vor Jahren
getrennt. An jenem Abend waren die Ransomes in Così
fan tutte gewesen, und als sie nach Hause kamen, war
ihre Wohnung vollkommen leergeräumt. Nichts war
geblieben, weder der Kronleuchter noch der Teppichboden,
nur die Fußleisten.
Während
Mr. Ransome darauf besteht, am nächsten Morgen
in seine Anwaltskanzlei zu gehen, als sei nichts geschehen,
fühlt sich Mrs. Ransome verunsichert ohne die vertrauten
Gegenstände ihres wohlgeordneten Haushalts. Aber
sie beschließt, das Beste daraus zu machen und
eine merkwürdige Abenteuerlust und Lebensfreude
bemächtigt sich ihrer.
(©
2003 Wagenbach Verlag)
Buchbesprechung - Rezension:
32
Jahre leben sie nun zusammen, Mr. und Mrs. Ransome,
ein kinderloses Ehepaar in einer englischen Kleinstadt.
Eigentlich leben sie mehr nebeneinander als miteinander;
da dies jedoch wohl immer so war, empfindet es keiner
der beiden als etwas Negatives. Was sie verbindet, ist
ihre Liebe zur Musik Mozarts. Aber vielleicht ist dies
ja auch nur Gewohnheit. Mr. Ransom braucht die Musik
am Abend, um sich von dem Alltagsärger in seiner
Rechtsanwaltskanzlei zu erholen, "in Musik zu duschen",
wie er sagt.
Eines
Tages, während die Ransomes in der Oper sitzen
und Così fan tutte hören, passiert in ihrer
normal-bürgerlich eingerichteten Wohnung der Super-GAU:
Als sie am späten Abend nach Hause kommen, ist
die Wohnung ausgeräumt, und zwar so gründlich,
dass zwischen den kahlen Wänden nur noch die Toilettenschüssel
vorhanden ist. Es gibt weder Papierhalter noch Teppich
oder Telefon, weder Geschirr noch Teebeutel, geschweige
denn die kostbare CD-Sammlung.
Und
jetzt fangen die Probleme an: Die Polizei muss benachrichtigt
werden, doch wie - ohne Telefon. Ein Handy haben die
Ransomes bislang immer abgelehnt. Für Mr. Ransome
ist es keine Frage, dass er morgen wieder pünktlich
im Büro erscheinen wird, so als sei nichts passiert.
Mrs. Ransome beginnt am nächsten Tag, die notwendigsten
Gegenstände zu kaufen. Aber was braucht man zuerst?
In ihrer Einkaufstasche befinden sich Schuhcreme, Nagelbürste,
Sieb und WC-Duftsteine u.a.
Während
Mr. Ransome darauf achtet, dass diese Katastrophe seinen
Lebens- und Arbeitsrhythmus so wenig wie möglich
beeinflusst (leider kann er zur Zeit abends keine Musik
hören), beginnt Mrs. Ransome nach diesem außergewöhnlichen
Ereignis unbeabsichtigt darüber nachzudenken, wie
ihr Leben bislang verlaufen ist und wie der Rest - vielleicht
anders - verlaufen könnte. Ihr kommen Gedanken,
die zu denken sie sich bislang nicht getraut hat, die
für sie einfach nicht existierten. Mrs. Ransome
spürt etwas Unbekanntes in sich: Abenteuerlust.
Sie fühlt sich in ihrer Normalität nicht mehr
wohl, sie will mehr. Und dann, beim Besuch einer Möbelspedition,
passiert etwas Mysteriöses, das rational nicht
mehr zu erklären ist ...
Così
fan tutte ist eine wunderbare kleine Geschichte
mit großer Wirkung. Die Sprache ist wie ein journalistischer
Bericht mit wörtlicher Rede. Kein Satz ist zu viel,
eher im Gegenteil, man möchte gerne weiterlesen.
Da sich die Figuren nicht lange an dem, was sie gerade
tun, aufhalten, entsteht ein ungeheures Tempo.
Die Story ist sehr witzig und skurril, allerdings niemals
albern oder lächerlich, im besten Sinne britisch.
Äußerst komisch ist zum Beispiel die Aufzählung
des früheren Hausstandes mit Aussteuer und wie
sich dieser in 32 Ehejahren entwickelt hat. Die Figuren
werden jedoch nicht denunziert oder gar lächerlich
gemacht. Neben der vordergründig beschriebenen
Handlung gibt es eine zweite Ebene. Hier von Selbstfindung
der Mrs. Ransome zu sprechen, wäre sicherlich etwas
über-interpretiert.
Obwohl vorwiegend banal scheinende Alltagssituationen
beschrieben werden, erhält man ein Psychogramm
der beiden Protagonisten, ein Protokoll ihrer Ehe und
eine Beschreibung der gesellschaftlichen Umgebung. Und
das alles auf 91 spannenden Seiten. Respekt! - Von diesem
Autor will man mehr lesen.
(©
2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
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