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Inhalt und Fazit:
In ihrem neuen Buch
möchte man Connie Palmen mit einem Zitat von Diderot begegnen,
in dem es heißt: "Wer verstanden werden will, erkläre nichts."
Was Diderot als Paradoxon über den Schauspieler verstanden
wissen wollte, gilt in diesem Fall auch für die Schriftstellerin.
In "Die Erbschaft" erkrankt
die Schriftstellerin Lotte unheilbar. Sie stellt einen jungen
Mann ein, der sich einerseits um ihren sich zunehmend schwächer
werdenden Körper sowie um ihre geistige Hinterlassenschaft
kümmern soll. Max Petzler heißt der junge, aufopferungsvolle
Mann, der für seine Dienste, die zunächst darin bestehen,
die lebenslangen Aufzeichnungen, Anstreichungen und Bemerkungen
von Lotte zu lesen und anschließend zu archivieren, mit kostenloser
Logis entlohnt wird. Da abzusehen ist, dass die Schriftstellerin
ihren letzten großen Roman selbst wird nicht abschließen können,
versucht sie, Max so vorzubereiten, dass es ihm möglich werden
soll, dieses Werk zu Ende zu führen. Indem Max sich in diese
Mimikry begibt, glaubt er, sich Lotte und ihrem Wesen zu nähern.
Doch jedesmal, wenn er sie persönlich zu ergründen versucht,
sie dazu auch schon einmal selbst befragt, erhält er zur Auskunft
"Siehe unter..." und bekommt einen Buchtitel genannt. Dort
stößt er auf Unterstreichungen und Anmerkungen, aus denen
er anfängt, ein Mosaik zusammen zu setzen. So trägt er Steinchen
für Steinchen zusammen und die Autorin suggeriert dem Leser
nicht nur, wie belesen sie in der Weltliteratur ist, sondern,
dass man auf diese Weise einem Menschen Leben und Charakter
einhauchen kann. An einer Stelle kommt es zu einer Art Diskussion
zwischen Lotte und Max, die im Grunde die Schwäche des Buches
anspricht, nämlich: dass es dem Buch an eigener Substanz und
Charakteren fehlt, mit denen sich der Leser in irgendeiner
Weise reiben will, sei es in der Identifikation oder der grundsätzlichen
Abneigung.
Als es darum geht, wie das Beziehen und Erinnern an Aussagen
anderer Schriftsteller zu bewerten ist, entspinnt sich folgender
Dialog: "›Jeder Geist schärft seinen Verstand durch Reibung
an anderen Geistern‹, schloss sie. ›Keiner singt sein eigenes
Lied, ist es das?‹ ›Nein‹, entgegnete sie leidenschaftlich,
›das ist es nicht, man singt sehr wohl sein eigenes Lied.
Den Begriff der Originalität abzuschaffen ist genauso dumm,
wie es dumm ist, Gott für tot zu erklären. (...) Nur weil
Originalität nicht mehr dasselbe bedeutet wie vor ein, zwei
Jahrhunderten und nichts Romantisches mehr daran ist, kann
man sie doch noch nicht abschaffen, das ist nun wirklich zu
simplifizierend und, wie soll ich sagen, unerwachsen.‹"
Genau letzteres möchte man der Autorin selbst vorwerfen, denn
Birnen mit Äpfeln zu vergleichen, fällt bekanntlich schwer,
auch wenn es immer wieder versucht wird. Kein Mensch ist eine
Kombination aus zig verschiedenen Zitaten aus den unterschiedlichsten
Büchern. Daneben traktiert die Autorin den Leser mit Weisheiten,
die kurzweilig unterhalten, aber nur die Oberfläche berühren.
Die sonst so leicht daherkommende Tiefe ihrer Bücher lässt
Connie Palmen in diesem Fall schmerzlich vermissen und so
verwundert es nicht, dass die beiden, Lotte und Max nach Jahren
doch noch zum Paar werden. Und auch an dieser Stelle fragt
sich der Leser nichts, nicht ob die Gräben der Lebenserfahrung
und der Reife überwunden oder plötzlich nicht mehr relevant
sind. Es kam, wie man es nicht anders erwartet hatte und es
war in Ordnung so.
Schade, dass das Buch nur
so dahinplätschert, wo in ihm so viel Potenziale angelegt
sind. Hatte es die Autorin mit ihrem letzten Buch "I.M." doch
bewiesen, wie frei, ungeschminkt und wahrhaftig ein Text mit
dem Tod im Auge sein kann. Vielleicht war diese "Erbschaft"
für das folgende Buch zu groß, der Abstand zu klein? Das nächste
Buch wird es zeigen.
(©
2001 Ivonn Kappel)
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