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Roman/Erzählung

Die Erbschaft

Autorin: Connie Palmen
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers

Roman
gebunden, 160 Seiten
erschienen: Juni 2001
Diogenes
ISBN: 3-257-06272-9
Preis: 16,90 Euro
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Inhalt und Fazit:
In ihrem neuen Buch möchte man Connie Palmen mit einem Zitat von Diderot begegnen, in dem es heißt: "Wer verstanden werden will, erkläre nichts." Was Diderot als Paradoxon über den Schauspieler verstanden wissen wollte, gilt in diesem Fall auch für die Schriftstellerin.

In "Die Erbschaft" erkrankt die Schriftstellerin Lotte unheilbar. Sie stellt einen jungen Mann ein, der sich einerseits um ihren sich zunehmend schwächer werdenden Körper sowie um ihre geistige Hinterlassenschaft kümmern soll. Max Petzler heißt der junge, aufopferungsvolle Mann, der für seine Dienste, die zunächst darin bestehen, die lebenslangen Aufzeichnungen, Anstreichungen und Bemerkungen von Lotte zu lesen und anschließend zu archivieren, mit kostenloser Logis entlohnt wird. Da abzusehen ist, dass die Schriftstellerin ihren letzten großen Roman selbst wird nicht abschließen können, versucht sie, Max so vorzubereiten, dass es ihm möglich werden soll, dieses Werk zu Ende zu führen. Indem Max sich in diese Mimikry begibt, glaubt er, sich Lotte und ihrem Wesen zu nähern. Doch jedesmal, wenn er sie persönlich zu ergründen versucht, sie dazu auch schon einmal selbst befragt, erhält er zur Auskunft "Siehe unter..." und bekommt einen Buchtitel genannt. Dort stößt er auf Unterstreichungen und Anmerkungen, aus denen er anfängt, ein Mosaik zusammen zu setzen. So trägt er Steinchen für Steinchen zusammen und die Autorin suggeriert dem Leser nicht nur, wie belesen sie in der Weltliteratur ist, sondern, dass man auf diese Weise einem Menschen Leben und Charakter einhauchen kann. An einer Stelle kommt es zu einer Art Diskussion zwischen Lotte und Max, die im Grunde die Schwäche des Buches anspricht, nämlich: dass es dem Buch an eigener Substanz und Charakteren fehlt, mit denen sich der Leser in irgendeiner Weise reiben will, sei es in der Identifikation oder der grundsätzlichen Abneigung.
Als es darum geht, wie das Beziehen und Erinnern an Aussagen anderer Schriftsteller zu bewerten ist, entspinnt sich folgender Dialog: "›Jeder Geist schärft seinen Verstand durch Reibung an anderen Geistern‹, schloss sie. ›Keiner singt sein eigenes Lied, ist es das?‹ ›Nein‹, entgegnete sie leidenschaftlich, ›das ist es nicht, man singt sehr wohl sein eigenes Lied. Den Begriff der Originalität abzuschaffen ist genauso dumm, wie es dumm ist, Gott für tot zu erklären. (...) Nur weil Originalität nicht mehr dasselbe bedeutet wie vor ein, zwei Jahrhunderten und nichts Romantisches mehr daran ist, kann man sie doch noch nicht abschaffen, das ist nun wirklich zu simplifizierend und, wie soll ich sagen, unerwachsen.‹"
Genau letzteres möchte man der Autorin selbst vorwerfen, denn Birnen mit Äpfeln zu vergleichen, fällt bekanntlich schwer, auch wenn es immer wieder versucht wird. Kein Mensch ist eine Kombination aus zig verschiedenen Zitaten aus den unterschiedlichsten Büchern. Daneben traktiert die Autorin den Leser mit Weisheiten, die kurzweilig unterhalten, aber nur die Oberfläche berühren. Die sonst so leicht daherkommende Tiefe ihrer Bücher lässt Connie Palmen in diesem Fall schmerzlich vermissen und so verwundert es nicht, dass die beiden, Lotte und Max nach Jahren doch noch zum Paar werden. Und auch an dieser Stelle fragt sich der Leser nichts, nicht ob die Gräben der Lebenserfahrung und der Reife überwunden oder plötzlich nicht mehr relevant sind. Es kam, wie man es nicht anders erwartet hatte und es war in Ordnung so.

Schade, dass das Buch nur so dahinplätschert, wo in ihm so viel Potenziale angelegt sind. Hatte es die Autorin mit ihrem letzten Buch "I.M." doch bewiesen, wie frei, ungeschminkt und wahrhaftig ein Text mit dem Tod im Auge sein kann. Vielleicht war diese "Erbschaft" für das folgende Buch zu groß, der Abstand zu klein? Das nächste Buch wird es zeigen.

(© 2001 Ivonn Kappel)

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