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Verlagstext:
Bittersüßer Mandelduft und rauhe Landschaft,
verfallende Palazzi und elegante Herren mit schwarzen
Sonnenbrillen: das ist das Sizilien der Mennulara, einer
armen Dienstmagd, die trotz Klugheit und Herzensbildung
am starren Gesellschaftssystem zerbricht.
Überall im Städtchen Roccacolomba, in den
engen Gassen und steilen Treppen, in den Portierslogen
und Cafés, hinter Wäscheleinen und von der
Sonne glühenden Mauern hörte man es tuscheln,
fluchen, seufzen. Heute, an diesem strahlenden 23. September
1963, ist die Mennulara gestorben, die Dienstmagd der
Alfallipes, und sie hinterläßt bei den Dorfbewohnern
Argwohn, Mißgunst – und das Rätsel
ihres tragischen Lebens. War es am Ende doch eine große,
geheime Liebe, die sie mit ihrem Herrn, Don Orazio,
verband und sie auf eine eigene Familie verzichten ließ?
In Italien als Literaturereignis gefeiert und verglichen
mit Camilleri, Verga und Tomasi di Lampedusa, schildert
Simonetta Agnello Hornby das Schicksal einer klugen
und stolzen Sizilianerin, der es zwar gelingt, die bittere
Armut ihrer Kindheit zu überwinden, nicht aber
den unverändert bestehenden Unterschied zwischen
Herrschaft und Gesinde.
(©
2003 Piper Verlag)
Fazit:
Starke Frauen aus Italien
Der
Schein trügt: Die zarte junge Frau auf dem Titelbild
des Erstlings von Simonetta Agnello Hornby ist eine
starke Persönlichkeit. Sie heißt Maria Rosalia
Interillo, genannt "La Mennulara" ("die
Mandelpflückerin"). Ihren Namen verdankt sie
ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit, bei
der Mandelernte keine einzige Frucht zu übersehen
und den Ertrag genau abschätzen zu können.
Seit ihrem zehnten Lebensjahr steht sie im Dienst der
Familie Alfallipe, deren Geschicke sie im Laufe ihres
Lebens mehr und mehr in die Hand genommen hat. Wie groß
ihr Einfluss tatsächlich ist, enthüllt das
Geschehen nach ihrem Tod.
Der
bereits seit langer Zeit verstorbene Patriarch des Hauses
Alfallipe, Orazio Alfallipe, war zwar berühmt für
seine Fähigkeiten als Frauenheld, verstand es aber
nicht, sein Vermögen zu verwalten. Auch seine Witwe
Adriana und die Kinder Gianni, Lilla und Carmela zeigen
für die Bewirtschaftung der Familiengüter
keinerlei Talent. Einzig "La Mennulara" verfügte
über die Kenntnisse und den nötigen Weitblick
und hielt die Zügel des Familienunternehmens fest
in der Hand. Dies führte zu einer Art Hassliebe
zwischen den Alfallipes und ihrer Dienstbotin: Einerseits
profitieren sie von ihren Fähigkeiten, andererseits
begaben sie sich in ein Abhängigkeitsverhältnis
zu ihr.
Die Mennulara hat sich im Laufe ihres Lebens ein kleines
Vermögen erwirtschaftet, welches es ihr erlaubte,
sich ein bescheidenes Haus zu kaufen und ihre Nichten
und Neffen zu unterstützen. In diesem Haus hat
sie nach Orazios Tod auch Adriana aufgenommen und die
Geschäfte der Familie weitergeführt. Über
die Herkunft ihres Geldes hat sie immer Stillschweigen
bewahrt.
Die Alfallipes machen sich sofort nach dem Tod ihrer
Angestellten auf die Suche nach dem Testament, denn
nach den Versprechungen der Verstorbenen sollen sie
ihre Erben sein. Auch die Zahlungen, die jeden Monat
für die Mennulara bei der Post eingehen, wollen
sie entgegennehmen. Dabei zeigt sich jedoch, dass ihr
Tod auch die Position der Alfallipes in Roccacolomba
verändert hat. Alte Vorurteile und Feindschaften
brechen wieder auf und auch innerhalb der Familie kommt
es wegen der Erbschaft und den Bestimmungen, die die
Mennulara zu ihrem Begräbnis festgelegt hat, zum
Streit. Sie polarisiert auch nach ihrem Tod.
Ihre
Person ist auch in Roccacolomba nicht unumstritten.
Aus wechselnden Perspektiven wird der Blick der Einwohner
auf die Verstorbene erzählt. Auch hier hatte sie
ihre Fäden gesponnen und großen Einfluss
auf eine Reihe von Bewohnern ausgeübt. Ihr Tod
löst eine Kettenreaktion aus. Nach der Beerdigung
beginnen wilde Spekulationen, die Runde zu machen: Sie
sei ein Mitglied der Mafia gewesen, von der sie regelmäßig
Geld erhalten hätte, die Geliebte Orazios, ihr
Vermögen sei im Ausland, die Alfallipes habe sie
ausgenommen, ...
Wie
in einem Krimi enthüllt sich nach und nach die
Wahrheit. Eine Verbindung zur Mafia existiert tatsächlich,
der Sohn des regionalen Paten hatte sie als Kind vergewaltigt,
weshalb sie Schweigegeld bezog. Außerdem war sie
die große Liebe von Orazio Alfallipe, eine Liebe,
die auch erwidert wurde. Für ihn hat sie die Geschicke
der Familie in die Hand genommen, sich Lesen und Schreiben
beibringen lassen, mit ihm die Leidenschaft für
die Archäologie geteilt. Und dort liegt auch ihr
sorgsam verborgenes Erbe: Um der Erbschaftssteuer zu
entgehen und die Quelle ihres Vermögens zu verschleiern,
hat sie ihr Geld in antiken Amphoren und Vasen angelegt
(neben einem Nummernkonto in der Schweiz). Durch ihre
Ungeduld und die aufbrechende Wut gegen ihre Dienstbotin
allerdings, haben die Alfallipes diese Güter bereits
zerstört und den sorgsam ausgetüftelten Plan
der Mennulara zunichte gemacht. Am Ende des Romans stehen
sie vor einem finanziellen und emotionalen Scherbenhaufen,
während sich die Mennulara als integre und vorausschauende
Persönlichkeit herausgestellt.
Die
Mandelflückerin ist ein dichter und mitreißender
Roman. Wie ein Puzzle setzt sich die Geschichte aus
verschiedenen Perspektiven zu einem Ganzen zusammen
und erzählt von einer großen Liebesgeschichte,
Kleinstadtintrigen, Standesdünkeln, Ehedramen,
dunklen Familiengeheimnissen und liefert zugleich ein
Panorama des Lebens in Sizilien in der ersten Hälfte
des zwanzigsten Jahrhunderts. Dabei findet die Autorin
stimmungsvolle Bilder, um die besondere Beziehung von
Orazio und der Mennulara zu schildern, auch wenn sie
teilweise leicht ins Klischee abrutscht. Es gelingt
ihr aber auch, die Strukturen einer Kleinstadt auf höchst
unterhaltsame Weise darzustellen.
Die
Mandelpflückerin ist ein hervorragender und
gut verkäuflicher "Schmöker" aus
dem Genre "Unterhaltung"; besonders geeignet
für Frauen, die gerne Familiengeschichten aus anderen
Ländern lesen, gewürzt mit der richtigen Prise
Romantik und der Spannung, die durch die unterschiedlichen
Sichtweisen der Personen entsteht.
Hinweis:
Diese Rezension beruht auf der italienischen Originalausgabe.
(©
2004 Ingrid Ickler für all-around-new-books.de)
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