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Roman/Erzählung

Zeitströme

Autorin: Elvira Schütze

Taschenbuch, 172 Seiten (große Schrift)
erschienen: Mai 2000
Books on Demand
ISBN: 3-89811-539-9
Preis: 10,17 Euro
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Inhalt:
Die Geschichte handelt im ersten Teil vom Leben im achtzehnten Jahrhundert in einer kleinen Stadt im heutigen Schleswig-Holstein.
Anno 1777 wurde hier ein kleines Fachwerkhaus gebaut, welches fortan als Predigerwitwenhaus fungierte. Mehrere Witwen mit ihrer, sicherlich immer umfangreichen Kinderschar, verbrachten darin im Laufe der Jahre ihr bescheidenes Leben. Elvira Schütze erzählt, wie sich das Leben dieser Frauen in dieser Zeit abgespielt hat.
Zu ihnen gehörte, im neunzehnten Jahrhundert, die Mutter des Heimatdichters Matthäus Friedrich Chemnitz, der, neben vielen anderen Sachen, auch den Text zu der schleswig-holsteinischen Landeshymne "Schleswig-Holstein meerumschlungen" geschrieben hat. Dieses Lied wird heute noch in Schleswig-Holstein bei festlichen Anlässen (stehend) gesungen.

Im zweiten Teil erzählt sie, wie es dazu kam, dass sie viele Jahre später selber in diese kleine Stadt gezogen ist, nachdem sie aus dem Osten kam. Sie beschreibt die schöne sorglose Zeit ihrer Kindheit und die Veränderungen, die der Krieg mit sich brachte, dann das Kriegsende und die Nachkriegszeit in Brandenburg. Heute wohnt die Autorin selbst in dem ehemaligen Predigerwitwenhaus und glaubt, dass diese alten Mauern sie inspiriert haben, mit dem Schreiben anzufangen. Bei der Recherche zu diesem Buch hat sie ihren Familiennamen in den Geschichtsbüchern gefunden und daraus einen Übergang zum zweiten Teil des Buches gewoben.

(© 2000 Elvira Schütze)


Die Autorin Elvira Schütze über sich:

Ich bin 1935 in Celle geboren. Aufgewachsen in verschiedenen Städten in Pommern und Brandenburg. Mein Leben ist von Umzügen geprägt. Außerdem reise ich noch leidenschaftlich gerne. Heute lebe ich in Barmstedt in Schleswig-Holstein, habe zwei Söhne und bin seit einigen Jahren Witwe.
Schreiben tue ich erst seit ungefähr zehn Jahren. Krieg und Nachkriegszeit haben unauslöschliche Erinnerungen hinterlassen, und ich habe angefangen, darüber zu schreiben. Irgendwie mußte das mal alles raus, auch wenn schon so viele Jahre vergangen sind. Inzwischen sind es drei Bücher geworden.
Das zweite Buch handelt von den Monaten, in denen mein Mann krank war und starb, von dem Phänomen der Tonbandstimmenforschung, an die ich mich einige Zeit geklammert habe, um mit meinem verstorbenen Mann Kontakt aufzunehmen.
Das letzte Buch handelt von den vielen Reisen in meinem Leben. Alle Bücher habe ich bewußt mit einem großen Schriftgrad geschrieben. Außerdem halte ich an der alten Rechtschreibform fest. Ich arbeite natürlich schon wieder an einem Buch, lasse mir aber Zeit damit.
Nebenbei engagiere ich mich noch ehrenamtlich für unsere Stadt.


Textauszug:


Viele kleine nackte Kinderfüße liefen über den warmen, sonnenbeschienenen Steinfußboden die Treppe hinauf in die große Stube, die als Klassenzimmer diente. Es war ein schöner, klarer Frühlingstag. Fenster und Türen standen offen, um die Wärme in das kleine Haus hineinzulassen, welches man das Predigerwitwen-Haus nannte. Es war wieder ein langer, kalter Winter gewesen, 1780-81. Um so mehr genoß man jetzt die Wärme der Frühlingssonne. Und mit ihren Strahlen sollte sie auch den letzten Rest der Kälte und Feuchtigkeit des Winters aus dem Hause vertreiben.
Der junge Vikar kam eilenden Schrittes vom Pastorat herbeigelaufen, um den Unterricht abzuhalten. Als er die Treppe hinauf stieg, hörte er schon die Kinder lachen und reden. Als er aber die Stube betrat, waren sie sofort mäuschenstill. Mit wichtiger Miene öffnete er mit einem Schlüssel, den er immer bei sich trug, die Tür eines Wandschränkchens, in dem die Tafeln und Bücher aufbewahrt wurden.

In dem großen Garten hinter dem Haus war die noch gar nicht so alte Predigerwitwe bei der Arbeit. Aus dem geöffneten Fenster hörte sie die Kinder singen und Verse aufsagen. Sie lebte nun schon fast ein Jahr in dem kleinen Haus. Nachdem ihr Mann, der Pastor, gestorben war, mußte sie das schöne Pastorat für den Nachfolger und seine Familie freimachen. Mit ihrer Kinderschar hatte sie kaum Platz in dem kleinen Haus und zum Leben reichte die knappe Rente vorne und hinten nicht. Darum war sie froh, einen Garten zu haben, dazu noch etwas Viehzeug, um über die Runden zu kommen. Dann hielt sie noch die Sachen des Vikars in Ordnung und bekam dafür auch noch einige Kreuzer. Es wurde höchste Zeit, daß im Garten etwas wuchs, denn das tägliche Essen wurde immer eintöniger. In der Vorratskammer hingen noch ein paar getrocknete Apfelringe und im Keller zwischen Sand und Stroh gab es noch einige Wurzeln und Rüben.
Die beiden großen Buben, zwölf und dreizehn Jahre alt, konnten schon für ein paar Stunden am Tage bei einem Bauern helfen, wenn es dort genug zu tun gab. Dafür bekamen sie wenigstens eine gute Mahlzeit. Den größten Teil des Gartens benötigte Anke Kruse, so hieß die Witwe, für Gemüse und ein paar Rüben. Nur eine kleine Ecke blieb für Blumen und Kräuter.
Auf dem Hof in einer schattigen Ecke stand ein Korb, in dem ihre jüngste Tochter, die kleine Wiebke lag. Sie war kurz nach dem Tode ihres Vater geboren worden und sehr schwächlich. Sieben Mäuler mußte Anke Kruse stopfen, und manchmal haderte sie sehr mit ihrem Schicksal. Aber es half nichts, sie mußte sich fügen.

Inzwischen war der Unterricht zu Ende. Die Kinder waren froh darüber, tobten die Treppe hinunter und liefen nach Hause. Die beiden Töchter der Witwe, 10 und 11 Jahre alt, kamen zu ihr in den Garten. Die Arbeit wurde unterbrochen, denn die Kräuterleni bog um die Hausecke, um nach Wiebke zu sehen, die den ganzen Winter über gehustet hatte. Die kleine, ältere Frau lebte in einer Kate unten an der Aue. Sie versorgte die Einwohner des Dorfes mit Kräutern, die sie vom Frühjahr bis zum Winter in den Wäldern und Wiesen der Umgebung zusammengesucht hatte. Auch die Bauern baten gerne um ihren Rat, wenn das Vieh krank wurde. Jeder hatte großen Respekt vor ihr, und keiner wollte sich mit ihr erzürnen. Hinter vorgehaltener Hand wurde vieles über sie erzählt; sie sei eine Engelmacherin, und sogar von Hexerei war die Rede. So erhielt sie für einen guten Rat und für ihre Kräuter immer etwas Eßbares und manchmal sogar ein paar Groschen.
"Wie schön, daß du mal hereinschaust," sagte die Witwe und ging sogleich mit ihr zu dem Körbchen, in dem die kleine Wiebke lag. "Es geht ihr besser und auch die Sonne und die frische Luft tun ihr gut. Vielen Dank, daß du dich den ganzen Winter um das Kind gekümmert hast." Damit gingen die beiden in die große Wohnküche. Die Witwe nahm zwei Becher und goß kühlen Apfeltee ein. Um der Kräuterleni zu zeigen, wie sehr sie sie schätzte, tat sie in deren Becher einen schönen großen Klumpen Kandiszucker hinein. "Ja, Frau Anke, nun werde ich nicht mehr so oft kommen, den die Zeit zum Kräutersuchen ist gekommen. Aber wenn etwas los ist, könnt ihr ja eines der Kinder zu mir schicken."

Die Küchentür öffnete sich wieder und der Vikar kam herein und fragte nach seinen Sachen. "Ja, sie sind fertig", sagte Anke und reichte ihm die Kleider. Dabei berührten sich wie zufällig ihre Hände. Anke errötete und wandte sich schnell ab. Der Vikar beeilte sich aus der Küche zu kommen. Die Kräuterleni war ihm immer schon unheimlich gewesen. Er hatte das Gefühl, daß sie mit ihren großen, klaren Augen bis auf den Grund seiner Seele blicken konnte.

(Text: © Elvira Schütze)

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