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Inhalt:
Die Geschichte handelt
im ersten Teil vom Leben im achtzehnten Jahrhundert in einer
kleinen Stadt im heutigen Schleswig-Holstein.
Anno 1777 wurde hier ein kleines Fachwerkhaus gebaut, welches
fortan als Predigerwitwenhaus fungierte. Mehrere Witwen mit
ihrer, sicherlich immer umfangreichen Kinderschar, verbrachten
darin im Laufe der Jahre ihr bescheidenes Leben. Elvira Schütze
erzählt, wie sich das Leben dieser Frauen in dieser Zeit
abgespielt hat.
Zu ihnen gehörte, im neunzehnten Jahrhundert, die Mutter
des Heimatdichters Matthäus Friedrich Chemnitz, der,
neben vielen anderen Sachen, auch den Text zu der schleswig-holsteinischen
Landeshymne "Schleswig-Holstein meerumschlungen"
geschrieben hat. Dieses Lied wird heute noch in Schleswig-Holstein
bei festlichen Anlässen (stehend) gesungen.
Im
zweiten Teil erzählt sie, wie es dazu kam, dass sie viele
Jahre später selber in diese kleine Stadt gezogen ist,
nachdem sie aus dem Osten kam. Sie beschreibt die schöne
sorglose Zeit ihrer Kindheit und die Veränderungen, die
der Krieg mit sich brachte, dann das Kriegsende und die Nachkriegszeit
in Brandenburg. Heute wohnt die Autorin selbst in dem ehemaligen
Predigerwitwenhaus und glaubt, dass diese alten Mauern sie
inspiriert haben, mit dem Schreiben anzufangen. Bei der Recherche
zu diesem Buch hat sie ihren Familiennamen in den Geschichtsbüchern
gefunden und daraus einen Übergang zum zweiten Teil des
Buches gewoben.
(©
2000 Elvira Schütze)
Die Autorin Elvira Schütze über sich:
Ich bin 1935 in Celle geboren. Aufgewachsen in verschiedenen
Städten in Pommern und Brandenburg. Mein Leben ist von
Umzügen geprägt. Außerdem reise ich noch leidenschaftlich
gerne. Heute lebe ich in Barmstedt in Schleswig-Holstein,
habe zwei Söhne und bin seit einigen Jahren Witwe.
Schreiben tue ich erst seit ungefähr zehn Jahren. Krieg
und Nachkriegszeit haben unauslöschliche Erinnerungen
hinterlassen, und ich habe angefangen, darüber zu schreiben.
Irgendwie mußte das mal alles raus, auch wenn schon
so viele Jahre vergangen sind. Inzwischen sind es drei Bücher
geworden.
Das zweite Buch handelt von den Monaten, in denen mein Mann
krank war und starb, von dem Phänomen der Tonbandstimmenforschung,
an die ich mich einige Zeit geklammert habe, um mit meinem
verstorbenen Mann Kontakt aufzunehmen.
Das letzte Buch handelt von den vielen Reisen in meinem Leben.
Alle Bücher habe ich bewußt mit einem großen
Schriftgrad geschrieben. Außerdem halte ich an der alten
Rechtschreibform fest. Ich arbeite natürlich schon wieder
an einem Buch, lasse mir aber Zeit damit.
Nebenbei engagiere ich mich noch ehrenamtlich für unsere
Stadt.
Textauszug:
Viele kleine nackte Kinderfüße liefen über
den warmen, sonnenbeschienenen Steinfußboden die Treppe
hinauf in die große Stube, die als Klassenzimmer diente.
Es war ein schöner, klarer Frühlingstag. Fenster
und Türen standen offen, um die Wärme in das kleine
Haus hineinzulassen, welches man das Predigerwitwen-Haus nannte.
Es war wieder ein langer, kalter Winter gewesen, 1780-81.
Um so mehr genoß man jetzt die Wärme der Frühlingssonne.
Und mit ihren Strahlen sollte sie auch den letzten Rest der
Kälte und Feuchtigkeit des Winters aus dem Hause vertreiben.
Der junge Vikar kam eilenden Schrittes vom Pastorat herbeigelaufen,
um den Unterricht abzuhalten. Als er die Treppe hinauf stieg,
hörte er schon die Kinder lachen und reden. Als er aber
die Stube betrat, waren sie sofort mäuschenstill. Mit
wichtiger Miene öffnete er mit einem Schlüssel,
den er immer bei sich trug, die Tür eines Wandschränkchens,
in dem die Tafeln und Bücher aufbewahrt wurden.
In dem großen Garten hinter dem Haus war die noch gar
nicht so alte Predigerwitwe bei der Arbeit. Aus dem geöffneten
Fenster hörte sie die Kinder singen und Verse aufsagen.
Sie lebte nun schon fast ein Jahr in dem kleinen Haus. Nachdem
ihr Mann, der Pastor, gestorben war, mußte sie das schöne
Pastorat für den Nachfolger und seine Familie freimachen.
Mit ihrer Kinderschar hatte sie kaum Platz in dem kleinen
Haus und zum Leben reichte die knappe Rente vorne und hinten
nicht. Darum war sie froh, einen Garten zu haben, dazu noch
etwas Viehzeug, um über die Runden zu kommen. Dann hielt
sie noch die Sachen des Vikars in Ordnung und bekam dafür
auch noch einige Kreuzer. Es wurde höchste Zeit, daß
im Garten etwas wuchs, denn das tägliche Essen wurde
immer eintöniger. In der Vorratskammer hingen noch ein
paar getrocknete Apfelringe und im Keller zwischen Sand und
Stroh gab es noch einige Wurzeln und Rüben.
Die beiden großen Buben, zwölf und dreizehn Jahre
alt, konnten schon für ein paar Stunden am Tage bei einem
Bauern helfen, wenn es dort genug zu tun gab. Dafür bekamen
sie wenigstens eine gute Mahlzeit. Den größten
Teil des Gartens benötigte Anke Kruse, so hieß
die Witwe, für Gemüse und ein paar Rüben. Nur
eine kleine Ecke blieb für Blumen und Kräuter.
Auf dem Hof in einer schattigen Ecke stand ein Korb, in dem
ihre jüngste Tochter, die kleine Wiebke lag. Sie war
kurz nach dem Tode ihres Vater geboren worden und sehr schwächlich.
Sieben Mäuler mußte Anke Kruse stopfen, und manchmal
haderte sie sehr mit ihrem Schicksal. Aber es half nichts,
sie mußte sich fügen.
Inzwischen war der Unterricht zu Ende. Die Kinder waren froh
darüber, tobten die Treppe hinunter und liefen nach Hause.
Die beiden Töchter der Witwe, 10 und 11 Jahre alt, kamen
zu ihr in den Garten. Die Arbeit wurde unterbrochen, denn
die Kräuterleni bog um die Hausecke, um nach Wiebke zu
sehen, die den ganzen Winter über gehustet hatte. Die
kleine, ältere Frau lebte in einer Kate unten an der
Aue. Sie versorgte die Einwohner des Dorfes mit Kräutern,
die sie vom Frühjahr bis zum Winter in den Wäldern
und Wiesen der Umgebung zusammengesucht hatte. Auch die Bauern
baten gerne um ihren Rat, wenn das Vieh krank wurde. Jeder
hatte großen Respekt vor ihr, und keiner wollte sich
mit ihr erzürnen. Hinter vorgehaltener Hand wurde vieles
über sie erzählt; sie sei eine Engelmacherin, und
sogar von Hexerei war die Rede. So erhielt sie für einen
guten Rat und für ihre Kräuter immer etwas Eßbares
und manchmal sogar ein paar Groschen.
"Wie schön, daß du mal hereinschaust,"
sagte die Witwe und ging sogleich mit ihr zu dem Körbchen,
in dem die kleine Wiebke lag. "Es geht ihr besser und
auch die Sonne und die frische Luft tun ihr gut. Vielen Dank,
daß du dich den ganzen Winter um das Kind gekümmert
hast." Damit gingen die beiden in die große Wohnküche.
Die Witwe nahm zwei Becher und goß kühlen Apfeltee
ein. Um der Kräuterleni zu zeigen, wie sehr sie sie schätzte,
tat sie in deren Becher einen schönen großen Klumpen
Kandiszucker hinein. "Ja, Frau Anke, nun werde ich nicht
mehr so oft kommen, den die Zeit zum Kräutersuchen ist
gekommen. Aber wenn etwas los ist, könnt ihr ja eines
der Kinder zu mir schicken."
Die
Küchentür öffnete sich wieder und der Vikar
kam herein und fragte nach seinen Sachen. "Ja, sie sind
fertig", sagte Anke und reichte ihm die Kleider. Dabei
berührten sich wie zufällig ihre Hände. Anke
errötete und wandte sich schnell ab. Der Vikar beeilte
sich aus der Küche zu kommen. Die Kräuterleni war
ihm immer schon unheimlich gewesen. Er hatte das Gefühl,
daß sie mit ihren großen, klaren Augen bis auf
den Grund seiner Seele blicken konnte.
(Text:
© Elvira Schütze)
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