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Roman/Erzählung

Erzählungen

Autor: Thomas von Kienperg

Taschenbuch, 276 Seiten
erschienen: April 2003
Books on Demand
ISBN: 3-8330-0427-4
Preis: 17,50 Euro
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Inhalt:
Die im vorliegenden Band gesammelten Erzählungen entführen uns in die zauberhafte Welt der Romantik; wir erfahren von Prinzessin Kühnhilde und ihrer goldenen Spindel, wie das Schäfermädchen Phyllida zuletzt doch noch gerettet wird - ebenso vom schaurigen Geheimnis im Glockenstuhl oder dem reizenden Fräulein von Vertaux. Auch vom heiligen Gral wird uns in der Wartburger Spielmannfehde berichtet ...

Romantik ist die Durchdringung alles Endlichen vom Unendlichen, es ist die Inkarnation der göttlichen Ahndung!

(© 2003 Thomas von Kienperg)


Zum Autor:
Thomas von Kienperg, Jahrgang 1970, Absolvent der Handelsakademie in Salzburg, widmet sich seit seiner Jugend der Schriftstellerei. Seine erste Romanveröffentlichung "Der Reif der Bourbonen" ist im Jahr 2002 bei Fouqué-Verlag in Frankfurt erschienen.
Mitherausgeber des Literaturmagazines "Der abderitische Epitaph", Homepage: abderitischer.epitaph.x-net.at.
Balladenzyklus "Der Ring der Kroniden", wissenschaftliche und poetologische Traktate ("Die Löwentheorie"), Gedichte, Aphorismen, Tagebücher, Fragmente.


Textauszug:


aus "Das Geheimnis im Glockenstuhl"

In der darauffolgenden Nacht aber wiederholte sich derselbe Vorfall. Wiederum erwachte die Muhme durch einen Angstschrei aus des Mädchens Kammer, und, nachdem sich diese wiederum zu der letzteren begeben hatte, wiederholte sie jene unheimliche Schilderung vom Vortage. Wieder hatte, erzählte aufgeregt das Fräulein, eine dunkle Gestalt am Fenster gestanden, um ihr, wie vergangene Nacht, mit, wie sie weiter vorgab, einer Grauen erregenden Weise vom Glockenturme her zuzuwinken. Dieses Mal aber verfehlten die gut gemeinten Trostworte der Amme ihre Wirkung, und nicht eher wollte sich das Fräulein besänftigen lassen, als ihr jene nicht versprochen hatte, bei ihr im Zimmer zu nächtigen. Tags darauf eilte Fräulein Sheila sogleich zu ihrem Vater, dem Lord, welcher gerade beim allmorgendlichen Tee in der Frühstückshalle saß. Er hatte die vergangenen Tage auf der Jagd einige Rehböcke und sogar einen kapitalen Damhirsch erlegt und erfreute sich deshalb der allerbesten Laune. Die Fürstin saß in einem großen Lehnstuhl und goß Tee aus einer Kanne in die Tassen. Desto bestürzter aber zeigten sich die wohlgelaunten Eltern, als die Tochter plötzlich beteuerte, sie wolle um nichts auf der Welt auch nur eine weitere Nacht in diesem verwünschten Schlosse, in dem sie sich seit allem Anfange nicht wohlgefühlt habe, zubringen. Alle Bedenken, den Eltern etwa in irgendeiner mißlichen Weise bange zu erscheinen, waren angesichts der schrecklichen, nächtlichen Erinnerungen rasch beiseite geschoben, und hastig erzählte sie ihnen genau eben dieselbe Geschichte, welche sie bereits zweimal ihrer Amme während des Nachts anvertraut hatte und welche im selben Augenblicke eintrat und die Worte des Fräuleins bekräftigte. Zunächst zeigte sich Lord A. einigermaßen amüsiert und wollte eben von einem Alptraum zu räsonnieren anheben, als Fräulein Sheila ihm, entgegen aller Gewohnheit, schroff in die Rede fiel und versicherte, es wäre ihr vollster Ernst damit, ob nun Traum oder nicht, nötigenfalls noch heute alleine mit ihrer Muhme abzureisen. Nun näherte sich auch die Fürstin mit einiger Besorgnis und wandte sich mit bestürzter Miene an ihren Gemahl, was denn nun angesichts solch ungewärtigter Ereignisse am besten zu tun sei. „Beim heiligen Georg!“, rief da der Lord verdrießlich aus, „hätte mir der Himmel doch nur einen Sohn beschert. Nichts als Ärger hat man mit euch Weibern!“ Und als Lady Sheila ob solcher Rohheit die Tränen kommen wollten und er einsah, was seine Worte angerichtet hatten, schloß er sein Kind sogleich gerührt in die Arme, beteuerte ein- über das andere Mal – indem er sich bei seiner Gemahlin für sein unglückliches Verhalten entschuldigte – er habe es ja nicht so damit gemeint und versprach, die folgende Nacht bei seiner Tochter in der Kammer zu wachen, wenn sie sich nur zu bleiben entschließen könne.

So verging, von der Sorge um die Tochter getrübt, endlich der Tag und die Nacht brach herein. Auch die Lady bestand zunächst darauf, mit im Zimmer ihrer Tochter verweilen zu dürfen. Dem Lord jedoch, fest davon überzeugt, daß sie sich dadurch nur unnötig aufregen und ängstigen werde, gelang es endlich, sie von diesem ihren Vorhaben abzubringen und sie dazu zu bereden, die Nacht zusammen mit der Muhme in der benachbarten Kammer zu verbringen. Endlich wurde es ganz Nacht, und alle hatten sich zur Ruhe begeben. Lady Sheila und der Lord saßen beide – diese aufrecht in ihrem Bette, jener daneben auf einem Stuhle – vor dem Fenster und sahen zu demselben hinaus. Langsam stieg die fast volle Scheibe des Mondes über den dunklen Kamm der Wälder empor und warf einen fahlen, silbernen Glanz über die weißgetünchten Mauern. Der Lord erblickte seinen eigenen, riesenhaften Schatten an der Wand, der jede seiner Bewegungen gleichsam nachäffte, und stellte bei dieser Gelegenheit fest, wie sehr in derartigen Situationen unsere Phantasie dazu neigt, ihren tollen Spuk mit unserer sonst so nüchternen Vernunft zu treiben. Die Zeit verrann unaufhörlich. Irgendwann mußte der Lord eingenickt sein, denn plötzlich fuhr er, geweckt von einem ängstlichen Ruf seiner Tochter, von ihr heftig am Arm gezerrt, von seinem Platze auf. Lady Sheila beschwor ihn flehentlich, er möge doch um aller Heiligen willen endlich nach dem Turm sehen; dennoch währte es, wie es nun bei derartigen Situationen für gewöhnlich der Fall ist, einige Augenblicke, ehe der Lord wieder voll und ganz Herr seiner Sinne war. Als er zuletzt einen Blick nach dem Turme warf, konnte er nichts wahrnehmen als jenes gewohnte Bild, welches sonst die Nacht unseren Blicken würde dargeboten haben. Lady Sheila aber schwor, sie habe jene gräßliche Erscheinung ganz bestimmt gesehen, versicherte, es habe geschienen, als habe die Gestalt auf ihn, den Lord, gezeigt, und als er endlich erwacht sei, da sei plötzlich alles gerade wieder so gewesen wie vordem. Der Lord wußte am Ende selber nicht mehr, woran er war, versprach, sogleich am nächsten Tage nach dem Glockenstuhl emporzusteigen, um dort ein- für allemal nach dem Rechten zu sehen. Daraufhin verblieb er noch die ganze restliche Nacht bei seiner Tochter in der Kammer, doch nichts dergleichen ereignete sich ferner, und gegen Morgen schlief er endlich selbst ein.

(Text: © Thomas von Kienperg)

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