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Inhalt:
Die im vorliegenden
Band gesammelten Erzählungen entführen uns in die
zauberhafte Welt der Romantik; wir erfahren von Prinzessin
Kühnhilde und ihrer goldenen Spindel, wie das Schäfermädchen
Phyllida zuletzt doch noch gerettet wird - ebenso vom schaurigen
Geheimnis im Glockenstuhl oder dem reizenden Fräulein
von Vertaux. Auch vom heiligen Gral wird uns in der Wartburger
Spielmannfehde berichtet ...
Romantik ist die Durchdringung
alles Endlichen vom Unendlichen, es ist die Inkarnation der
göttlichen Ahndung!
(©
2003 Thomas von Kienperg)
Zum
Autor:
Thomas von Kienperg, Jahrgang 1970, Absolvent der Handelsakademie
in Salzburg, widmet sich seit seiner Jugend der Schriftstellerei.
Seine erste Romanveröffentlichung "Der Reif der
Bourbonen" ist im Jahr 2002 bei Fouqué-Verlag
in Frankfurt erschienen.
Mitherausgeber des Literaturmagazines "Der abderitische
Epitaph", Homepage: abderitischer.epitaph.x-net.at.
Balladenzyklus "Der Ring der Kroniden", wissenschaftliche
und poetologische Traktate ("Die Löwentheorie"),
Gedichte, Aphorismen, Tagebücher, Fragmente.
Textauszug:
aus "Das Geheimnis im Glockenstuhl"
In der darauffolgenden Nacht
aber wiederholte sich derselbe Vorfall. Wiederum erwachte
die Muhme durch einen Angstschrei aus des Mädchens Kammer,
und, nachdem sich diese wiederum zu der letzteren begeben
hatte, wiederholte sie jene unheimliche Schilderung vom Vortage.
Wieder hatte, erzählte aufgeregt das Fräulein, eine
dunkle Gestalt am Fenster gestanden, um ihr, wie vergangene
Nacht, mit, wie sie weiter vorgab, einer Grauen erregenden
Weise vom Glockenturme her zuzuwinken. Dieses Mal aber verfehlten
die gut gemeinten Trostworte der Amme ihre Wirkung, und nicht
eher wollte sich das Fräulein besänftigen lassen,
als ihr jene nicht versprochen hatte, bei ihr im Zimmer zu
nächtigen. Tags darauf eilte Fräulein Sheila sogleich
zu ihrem Vater, dem Lord, welcher gerade beim allmorgendlichen
Tee in der Frühstückshalle saß. Er hatte die
vergangenen Tage auf der Jagd einige Rehböcke und sogar
einen kapitalen Damhirsch erlegt und erfreute sich deshalb
der allerbesten Laune. Die Fürstin saß in einem
großen Lehnstuhl und goß Tee aus einer Kanne in
die Tassen. Desto bestürzter aber zeigten sich die wohlgelaunten
Eltern, als die Tochter plötzlich beteuerte, sie wolle
um nichts auf der Welt auch nur eine weitere Nacht in diesem
verwünschten Schlosse, in dem sie sich seit allem Anfange
nicht wohlgefühlt habe, zubringen. Alle Bedenken, den
Eltern etwa in irgendeiner mißlichen Weise bange zu
erscheinen, waren angesichts der schrecklichen, nächtlichen
Erinnerungen rasch beiseite geschoben, und hastig erzählte
sie ihnen genau eben dieselbe Geschichte, welche sie bereits
zweimal ihrer Amme während des Nachts anvertraut hatte
und welche im selben Augenblicke eintrat und die Worte des
Fräuleins bekräftigte. Zunächst zeigte sich
Lord A. einigermaßen amüsiert und wollte eben von
einem Alptraum zu räsonnieren anheben, als Fräulein
Sheila ihm, entgegen aller Gewohnheit, schroff in die Rede
fiel und versicherte, es wäre ihr vollster Ernst damit,
ob nun Traum oder nicht, nötigenfalls noch heute alleine
mit ihrer Muhme abzureisen. Nun näherte sich auch die
Fürstin mit einiger Besorgnis und wandte sich mit bestürzter
Miene an ihren Gemahl, was denn nun angesichts solch ungewärtigter
Ereignisse am besten zu tun sei. „Beim heiligen Georg!“,
rief da der Lord verdrießlich aus, „hätte
mir der Himmel doch nur einen Sohn beschert. Nichts als Ärger
hat man mit euch Weibern!“ Und als Lady Sheila ob solcher
Rohheit die Tränen kommen wollten und er einsah, was
seine Worte angerichtet hatten, schloß er sein Kind
sogleich gerührt in die Arme, beteuerte ein- über
das andere Mal – indem er sich bei seiner Gemahlin für
sein unglückliches Verhalten entschuldigte – er
habe es ja nicht so damit gemeint und versprach, die folgende
Nacht bei seiner Tochter in der Kammer zu wachen, wenn sie
sich nur zu bleiben entschließen könne.
So verging, von der Sorge
um die Tochter getrübt, endlich der Tag und die Nacht
brach herein. Auch die Lady bestand zunächst darauf,
mit im Zimmer ihrer Tochter verweilen zu dürfen. Dem
Lord jedoch, fest davon überzeugt, daß sie sich
dadurch nur unnötig aufregen und ängstigen werde,
gelang es endlich, sie von diesem ihren Vorhaben abzubringen
und sie dazu zu bereden, die Nacht zusammen mit der Muhme
in der benachbarten Kammer zu verbringen. Endlich wurde es
ganz Nacht, und alle hatten sich zur Ruhe begeben. Lady Sheila
und der Lord saßen beide – diese aufrecht in ihrem
Bette, jener daneben auf einem Stuhle – vor dem Fenster
und sahen zu demselben hinaus. Langsam stieg die fast volle
Scheibe des Mondes über den dunklen Kamm der Wälder
empor und warf einen fahlen, silbernen Glanz über die
weißgetünchten Mauern. Der Lord erblickte seinen
eigenen, riesenhaften Schatten an der Wand, der jede seiner
Bewegungen gleichsam nachäffte, und stellte bei dieser
Gelegenheit fest, wie sehr in derartigen Situationen unsere
Phantasie dazu neigt, ihren tollen Spuk mit unserer sonst
so nüchternen Vernunft zu treiben. Die Zeit verrann unaufhörlich.
Irgendwann mußte der Lord eingenickt sein, denn plötzlich
fuhr er, geweckt von einem ängstlichen Ruf seiner Tochter,
von ihr heftig am Arm gezerrt, von seinem Platze auf. Lady
Sheila beschwor ihn flehentlich, er möge doch um aller
Heiligen willen endlich nach dem Turm sehen; dennoch währte
es, wie es nun bei derartigen Situationen für gewöhnlich
der Fall ist, einige Augenblicke, ehe der Lord wieder voll
und ganz Herr seiner Sinne war. Als er zuletzt einen Blick
nach dem Turme warf, konnte er nichts wahrnehmen als jenes
gewohnte Bild, welches sonst die Nacht unseren Blicken würde
dargeboten haben. Lady Sheila aber schwor, sie habe jene gräßliche
Erscheinung ganz bestimmt gesehen, versicherte, es habe geschienen,
als habe die Gestalt auf ihn, den Lord, gezeigt, und als er
endlich erwacht sei, da sei plötzlich alles gerade wieder
so gewesen wie vordem. Der Lord wußte am Ende selber
nicht mehr, woran er war, versprach, sogleich am nächsten
Tage nach dem Glockenstuhl emporzusteigen, um dort ein- für
allemal nach dem Rechten zu sehen. Daraufhin verblieb er noch
die ganze restliche Nacht bei seiner Tochter in der Kammer,
doch nichts dergleichen ereignete sich ferner, und gegen Morgen
schlief er endlich selbst ein.
(Text:
© Thomas von Kienperg)
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