| Inhalt:
Wir befinden uns im
Europa des 18. Jahrhunderts. Nach einem Duell mit tödlichem
Ausgange muß der junge Dragoneroffizier Jêrome
Dévillier seine französische Heimat verlassen
und flieht nach Preußen. Inmitten jener Wirrnisse des
Siebnjährigen Krieges, wo es ihm gelingt, eine Anstellung
bei der preußischen Armee zu erwirken, verliebt er sich
in die junge, aber bereits mit einem preußischen Offizier
verlobte Baronesse Antoinette Tempelhoff. Als Jêrome
zuletzt bei der Schlacht zu Leuthen auf den Tod verwundet
wird und Antoinette ein Kind von ihrem Liebhaber erwartet,
scheint das Schicksal der beiden Menschen besiegelt ...
"Der Dragoneroffizier
des Königs" ist das zweite Manifest des deutschen,
romantischen Geschichtsromanes und die konsequente Nachfolge
von "Der Reif des Bourbonen".
(©
2004 Thomas von Kienperg)
Zum
Autor:
Thomas von Kienperg, Jahrgang 1970, Absolvent der Handelsakademie
in Salzburg, widmet sich seit seiner Jugend der Schriftstellerei.
Seine erste Romanveröffentlichung "Der Reif der
Bourbonen" ist im Jahr 2002 bei Fouqué-Verlag
in Frankfurt erschienen. Veröffentlichung der gesammelten
"Erzählungen" im Jahr 2003 bei BoD. Mitherausgeber
des Literaturmagazines "Der abderitische Epitaph",
Homepage: dritte.stoa.x-net.at.
Balladenzyklus "Der Ring der Kroniden", wissenschaftliche
und poetologische Traktate ("Die Löwentheorie"),
Gedichte, Aphorismen, Übersetzungen, Tagebücher
und Briefe, Fragmente.
Textauszug:
aus Kapitel 1
„Hast du Geld bei dir,
Kerl“, versetzte der Wirt, „gutes, deutsches Geld?
Bei mir bekommt man nichts umsonst!“ Obschon der fremde
Gast kein Wort verstand, so schien er die Frage doch erraten
zu haben, denn sogleich öffnete er einen kleinen Lederbeutel,
welchen er einer Tasche seines zerschlissenen Soldatenrockes
entnahm und wies ihm auf der Handfläche etliche Kupfermünzen
hin. Der Wirt brummte daraufhin etwas Unverständliches
vor sich hin, gab jedoch durch ein Kopfnicken zu verstehen,
daß er den Auftrag besorgen werde.
Der junge Soldatenmensch unterdessen sah sich nach einer Sitzgelegenheit
um; sämtliche Tische waren besetzt, und keiner der Gäste
schien irgend Anstalt zu machen, ihm einen Platz an seiner
Seite anbieten zu wollen. So trat er denn zuletzt zögernd
auf einen der Tische hinzu, und da man sich den Anschein gab,
als bemerke man ihn nicht, sah er sich wohl oder übel
gezwungen, sich auf die eine oder andere Weise etwas Aufmerksamkeit
zu verschaffen.
„Excusez-moi, monsieurs“, hub er, auf einen der
freien Stühle zeigend, an, „vous dérangeriez
m’asseoir à votre table ... s’ il vous
plaît?“
„Verehrtester Nachbar“, wandte sich einer der
Tischgenossen, ein schmerbäuchiger Kerl, der aussah wie
ein Landstreicher, an seinen Nachbarn, „würdet
Ihr wohl die Güte haben, mir zu erklären, was der
Kerl da von uns will?“
„Na was wohl, du Schafskopf! Einen Platz zu Tisch will
er! Mein guter Freund“, wandte jener, ein heruntergekommener,
invalider Soldat, wie es scheinen wollte, sich fortfahrend
an den jungen Fremdling, „wenn Ihr hier kein vernünftiges
Preußisch nicht reden könnt – nun! so wird
man Euch wohl schwerlich jemals verstehen und Ihr, wo möglich,
in einer Stunde immer noch auf dem selben Platz herumstehen!“
Der junge Unbekannte, obzwar nichts von alledem Gerede verstehend,
nahm, da er seinerseits niemandem zu einer Verweigerung des
freien Stuhles Ursache gab, mit einem „Vielen Dank!“
– vermutlich eines jener wenigen Worte, aus denen sein
deutscher Sprachschatz bestand – platterdings an dem
nämlichen Tische platz. Kaum, da jener auf diese Weise
sich niedergelassen hatte, ward er von seinem Nebenmanne,
jenem schmerbäuchigen Gesellen, sogleich auf eine höchst
seltsame Weise inkommodiert – von wannen er käme
und was um alles in der Welt er hier in den sächsischen
Landen zu schaffen habe. Dem jungen Unbekannten, da ihm die
unaufhörliche Fragerei, von der er ja nun doch einmal
nichts verstehen konnte, endlich ärgerlich zu werden
schien, wandte sich zuletzt an sämtliche Tischgenossen,
welche außer dem schmerbäuchigen Landstreicher
und jenem abgerissenen Kriegsmann auch noch aus einem langen,
hageren Kerl mit einer schmutzigen Grenadiermütze bestand:
„Je viens de Paris ... eh bien, monsieurs, je viens
de la France, vous comprenez?“
„Alle Wetter“, rief hier der Lange mit der Grenadiermütze
aus, „habt ihr gehört, Leute, der Kerl ist ein
gottverdammter Franzose! Der Teufel hole das ganze verfluchte
Gesindel!“ und damit spie er, indem er das Gesicht auf
eine widerliche Weise verzog, seinen Kautabak unter den Tisch.
„Die Verräter halten es mit den Österreichern
und haben den Herzog von Cumberland aus dem Felde geschlagen!“,
rief der invalide Söldner mit heiserer Stimme zur Antwort,
„und nun halten sie ganz Hannover und Braunschweig besetzt!
Und das nun ist der Dank dafür, daß unser König
Zeit seines Lebens soviel auf die Franzosen gegeben hat!“
Der junge Kriegsmann, obschon er natürlich weiterhin
schwerlich ein Wort verstanden haben mochte, schien dennoch
zu fühlen, daß man ihm allem Anscheine nach nicht
eben sehr freundlich gesonnen war; dessenungeachtet verharrte
er weiter still auf seinem Platze und schien sehr darauf bedacht,
den unfreundlichen Gesellen keinerlei Ursache zu geben, wider
ihn zu räsonnieren. Fast noch im selben Augenblicke schritt
der Wirt mit einem hölzernen Napf zum Tisch heran, der
eine dünne Brühe von Linsen enthielt, und stellte
denselben dergestalt vor den Fremden hin, daß sich beinahe
die Hälfte des Inhaltes auf den Tisch verspritzte; dasselbe
geschah mit einer Kanne sauren, gewässerten Weines, indem
der Wirt sich an seiner schmutzigen Schürze die Hände
abwischte und zu seinem ungebetenen Gaste gewandt knurrte:
„Das ist alles, was ich noch habe; gib mir drei Kreuzer
dafür, du Franzosenhund, und dann sieh zu, daß
du schnell wieder verschwindest! Wir brauchen euch Franzosen
hier in Preußen nicht!“
Der junge Unbekannte, ungeachtet des wenig freundlichen Tones,
legte ruhig die drei Kreuzer vor sich auf den Tisch, obgleich
der Fraß wohl schwerlich jemals seinen Kreuzer wert
war. Brummend ließ der Wirt das Geld in seiner weiten
Hose verschwinden, als sich der invalide Kriegsknecht wieder
an den ersteren wandte. „Habt Ihr gehört, Gevatter“,
sagte er zu demselben, „unser König hat alles versucht,
mit den Franzosen Frieden zu schließen! Und was ist
nun der Dank dafür, daß wir uns beständig
um ihre Gunst bemüht haben? Der Marschall von Estrèes
hat den Cumberland bei Hastenbeck aufs Haupt geschlagen, und
jetzt liegen die Kerle allenthalben in Hannover und Braunschweig
in Garnision!“
„In der Tat, alter Freund“, schnarrte der Wirt,
„man sollte die Hunde samt und sonders aus dem Land
jagen!“
Der Fremde, der unterdessen im Begriffe schien, die karge
Mahlzeit einnehmen zu wollen, schien es dem Umstande nach
als für das Klügste anzusehen, alledem weiter keine
Beachtung zu schenken; bescheiden rückte er deshalb seinen
Stuhl ein Stückchen abseits an den Rand des Tisches,
um die übrigen in ihrer Unterhaltung nicht zu stören.
„Und Ihr gebt dem da auch noch zu fressen, Gevatter!“,
schrie da plötzlich der Schmerbäuchige, „nicht
für fünf Kreuzer bekäme der Hund eine Maisgrütze
bei mir!“ und polternd schlug er mit seiner schweren,
fleischigen Faust auf den Tisch, daß die Gläser
klirrend auf der Tischplatte umhersprangen. „Was schwatzet
ihr da noch lange und seht zu, wie er sich den Bauch vollschlägt“,
rief ein anderer von seinem Tisch herüber, „raus
mit dem Franzosen!“
„Hund von einem Franzmann!“, bellte der Schmerbäuchige
jetzt und versetzte jenem mit dem Ellenbogen einen solch derben
Stoß, daß der Napf vom Tische auf die Dielen fiel.
Auch die Weinkanne war bei demselben Vorgange umgestürzt,
und als der erstere nun gar die Faust wider den Fremden zu
erheben Anstalt machte, hatte dieser blitzschnell seinen Degen
gezückt und setzte jenem die Spitze desselben auf die
Brust, indem er ausrief: „Arretez, monsieur!“
(Text:
© Thomas von Kienperg)
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