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Roman/Erzählung

Der Dragoneroffizier des Königs

Autor: Thomas von Kienperg

Taschenbuch, 243 Seiten
erschienen: November 2004
Books on Demand
ISBN: 3-8334-1739-0
Preis: 14,90 Euro
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Inhalt:
Wir befinden uns im Europa des 18. Jahrhunderts. Nach einem Duell mit tödlichem Ausgange muß der junge Dragoneroffizier Jêrome Dévillier seine französische Heimat verlassen und flieht nach Preußen. Inmitten jener Wirrnisse des Siebnjährigen Krieges, wo es ihm gelingt, eine Anstellung bei der preußischen Armee zu erwirken, verliebt er sich in die junge, aber bereits mit einem preußischen Offizier verlobte Baronesse Antoinette Tempelhoff. Als Jêrome zuletzt bei der Schlacht zu Leuthen auf den Tod verwundet wird und Antoinette ein Kind von ihrem Liebhaber erwartet, scheint das Schicksal der beiden Menschen besiegelt ...

"Der Dragoneroffizier des Königs" ist das zweite Manifest des deutschen, romantischen Geschichtsromanes und die konsequente Nachfolge von "Der Reif des Bourbonen".

(© 2004 Thomas von Kienperg)


Zum Autor:
Thomas von Kienperg, Jahrgang 1970, Absolvent der Handelsakademie in Salzburg, widmet sich seit seiner Jugend der Schriftstellerei. Seine erste Romanveröffentlichung "Der Reif der Bourbonen" ist im Jahr 2002 bei Fouqué-Verlag in Frankfurt erschienen. Veröffentlichung der gesammelten "Erzählungen" im Jahr 2003 bei BoD. Mitherausgeber des Literaturmagazines "Der abderitische Epitaph", Homepage: dritte.stoa.x-net.at.
Balladenzyklus "Der Ring der Kroniden", wissenschaftliche und poetologische Traktate ("Die Löwentheorie"), Gedichte, Aphorismen, Übersetzungen, Tagebücher und Briefe, Fragmente.


Textauszug:


aus Kapitel 1

„Hast du Geld bei dir, Kerl“, versetzte der Wirt, „gutes, deutsches Geld? Bei mir bekommt man nichts umsonst!“ Obschon der fremde Gast kein Wort verstand, so schien er die Frage doch erraten zu haben, denn sogleich öffnete er einen kleinen Lederbeutel, welchen er einer Tasche seines zerschlissenen Soldatenrockes entnahm und wies ihm auf der Handfläche etliche Kupfermünzen hin. Der Wirt brummte daraufhin etwas Unverständliches vor sich hin, gab jedoch durch ein Kopfnicken zu verstehen, daß er den Auftrag besorgen werde.
Der junge Soldatenmensch unterdessen sah sich nach einer Sitzgelegenheit um; sämtliche Tische waren besetzt, und keiner der Gäste schien irgend Anstalt zu machen, ihm einen Platz an seiner Seite anbieten zu wollen. So trat er denn zuletzt zögernd auf einen der Tische hinzu, und da man sich den Anschein gab, als bemerke man ihn nicht, sah er sich wohl oder übel gezwungen, sich auf die eine oder andere Weise etwas Aufmerksamkeit zu verschaffen.
„Excusez-moi, monsieurs“, hub er, auf einen der freien Stühle zeigend, an, „vous dérangeriez m’asseoir à votre table ... s’ il vous plaît?“
„Verehrtester Nachbar“, wandte sich einer der Tischgenossen, ein schmerbäuchiger Kerl, der aussah wie ein Landstreicher, an seinen Nachbarn, „würdet Ihr wohl die Güte haben, mir zu erklären, was der Kerl da von uns will?“
„Na was wohl, du Schafskopf! Einen Platz zu Tisch will er! Mein guter Freund“, wandte jener, ein heruntergekommener, invalider Soldat, wie es scheinen wollte, sich fortfahrend an den jungen Fremdling, „wenn Ihr hier kein vernünftiges Preußisch nicht reden könnt – nun! so wird man Euch wohl schwerlich jemals verstehen und Ihr, wo möglich, in einer Stunde immer noch auf dem selben Platz herumstehen!“
Der junge Unbekannte, obzwar nichts von alledem Gerede verstehend, nahm, da er seinerseits niemandem zu einer Verweigerung des freien Stuhles Ursache gab, mit einem „Vielen Dank!“ – vermutlich eines jener wenigen Worte, aus denen sein deutscher Sprachschatz bestand – platterdings an dem nämlichen Tische platz. Kaum, da jener auf diese Weise sich niedergelassen hatte, ward er von seinem Nebenmanne, jenem schmerbäuchigen Gesellen, sogleich auf eine höchst seltsame Weise inkommodiert – von wannen er käme und was um alles in der Welt er hier in den sächsischen Landen zu schaffen habe. Dem jungen Unbekannten, da ihm die unaufhörliche Fragerei, von der er ja nun doch einmal nichts verstehen konnte, endlich ärgerlich zu werden schien, wandte sich zuletzt an sämtliche Tischgenossen, welche außer dem schmerbäuchigen Landstreicher und jenem abgerissenen Kriegsmann auch noch aus einem langen, hageren Kerl mit einer schmutzigen Grenadiermütze bestand: „Je viens de Paris ... eh bien, monsieurs, je viens de la France, vous comprenez?“
„Alle Wetter“, rief hier der Lange mit der Grenadiermütze aus, „habt ihr gehört, Leute, der Kerl ist ein gottverdammter Franzose! Der Teufel hole das ganze verfluchte Gesindel!“ und damit spie er, indem er das Gesicht auf eine widerliche Weise verzog, seinen Kautabak unter den Tisch.
„Die Verräter halten es mit den Österreichern und haben den Herzog von Cumberland aus dem Felde geschlagen!“, rief der invalide Söldner mit heiserer Stimme zur Antwort, „und nun halten sie ganz Hannover und Braunschweig besetzt! Und das nun ist der Dank dafür, daß unser König Zeit seines Lebens soviel auf die Franzosen gegeben hat!“
Der junge Kriegsmann, obschon er natürlich weiterhin schwerlich ein Wort verstanden haben mochte, schien dennoch zu fühlen, daß man ihm allem Anscheine nach nicht eben sehr freundlich gesonnen war; dessenungeachtet verharrte er weiter still auf seinem Platze und schien sehr darauf bedacht, den unfreundlichen Gesellen keinerlei Ursache zu geben, wider ihn zu räsonnieren. Fast noch im selben Augenblicke schritt der Wirt mit einem hölzernen Napf zum Tisch heran, der eine dünne Brühe von Linsen enthielt, und stellte denselben dergestalt vor den Fremden hin, daß sich beinahe die Hälfte des Inhaltes auf den Tisch verspritzte; dasselbe geschah mit einer Kanne sauren, gewässerten Weines, indem der Wirt sich an seiner schmutzigen Schürze die Hände abwischte und zu seinem ungebetenen Gaste gewandt knurrte: „Das ist alles, was ich noch habe; gib mir drei Kreuzer dafür, du Franzosenhund, und dann sieh zu, daß du schnell wieder verschwindest! Wir brauchen euch Franzosen hier in Preußen nicht!“
Der junge Unbekannte, ungeachtet des wenig freundlichen Tones, legte ruhig die drei Kreuzer vor sich auf den Tisch, obgleich der Fraß wohl schwerlich jemals seinen Kreuzer wert war. Brummend ließ der Wirt das Geld in seiner weiten Hose verschwinden, als sich der invalide Kriegsknecht wieder an den ersteren wandte. „Habt Ihr gehört, Gevatter“, sagte er zu demselben, „unser König hat alles versucht, mit den Franzosen Frieden zu schließen! Und was ist nun der Dank dafür, daß wir uns beständig um ihre Gunst bemüht haben? Der Marschall von Estrèes hat den Cumberland bei Hastenbeck aufs Haupt geschlagen, und jetzt liegen die Kerle allenthalben in Hannover und Braunschweig in Garnision!“
„In der Tat, alter Freund“, schnarrte der Wirt, „man sollte die Hunde samt und sonders aus dem Land jagen!“
Der Fremde, der unterdessen im Begriffe schien, die karge Mahlzeit einnehmen zu wollen, schien es dem Umstande nach als für das Klügste anzusehen, alledem weiter keine Beachtung zu schenken; bescheiden rückte er deshalb seinen Stuhl ein Stückchen abseits an den Rand des Tisches, um die übrigen in ihrer Unterhaltung nicht zu stören.
„Und Ihr gebt dem da auch noch zu fressen, Gevatter!“, schrie da plötzlich der Schmerbäuchige, „nicht für fünf Kreuzer bekäme der Hund eine Maisgrütze bei mir!“ und polternd schlug er mit seiner schweren, fleischigen Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrend auf der Tischplatte umhersprangen. „Was schwatzet ihr da noch lange und seht zu, wie er sich den Bauch vollschlägt“, rief ein anderer von seinem Tisch herüber, „raus mit dem Franzosen!“
„Hund von einem Franzmann!“, bellte der Schmerbäuchige jetzt und versetzte jenem mit dem Ellenbogen einen solch derben Stoß, daß der Napf vom Tische auf die Dielen fiel. Auch die Weinkanne war bei demselben Vorgange umgestürzt, und als der erstere nun gar die Faust wider den Fremden zu erheben Anstalt machte, hatte dieser blitzschnell seinen Degen gezückt und setzte jenem die Spitze desselben auf die Brust, indem er ausrief: „Arretez, monsieur!“

(Text: © Thomas von Kienperg)

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