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Roman/Erzählung

Don Juan
(erzählt von ihm selbst)

Autor: Peter Handke

gebunden in Leinen mit Schutzumschlag
159 Seiten
erschienen: August 2004
Suhrkamp
ISBN: 3-518-41636-7
Preis: 16,80 Euro

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Inhalt:
Peter Handke erzählt nichts weniger als »die endgültige und die einzig wahre Geschichte Don Juans«. Genauer gesagt: Er läßt Don Juan selbst erzählen, sieben Tage lang in einem Maigarten nahe Port-Royal-des-Champs, und nur ab und an findet sich ein Kommentar desjenigen, dem die Abenteuer der vergangenen sieben Tage vorgetragen werden. Dieser Zuhörer bezeugt, daß all die Don Juans im Fernsehen, in der Oper, im Theater oder auch im »primären Leben« die falschen sind. »Don Juan ist ein anderer. Ich sah ihn als einen, der treu war – die Treue in Person.« Das heißt nun nicht, daß die Geschichten mit Frauen, Geschichten von geglückten Begegnungen und geglückten Abschieden, ausgeblendet bleiben, im Gegenteil: An jeder Station der Reise, die Don Juan zunächst zu einer Hochzeit in den Kaukasus führt, dann nach Damaskus, am dritten Tag in die nordafrikanische Enklave von Ceüta, weiter auf einen Bootssteg in einem Fjord bei Bergen, zu einer Düne in Holland … überall trifft er Frauen, mit denen er, energisch trauernd, in eine Zeit des großen Innehaltens eintauchen kann, in eine Zeit, in der Augenblick und Ewigkeit in eins fallen.


Zum Autor:
Geboren am 18.03.1932 in der Kleinstadt Shillington, Pennsylvania, als einziges Kind des Sekundarschullehrers und Diakon Wesley Russel Updike und dessen Frau Linda Grace Hoyer. Kindheit in materieller Bedrücktheit. Schulbesuch weiterhin in Shillington. 1950 Stipendium zum Studium am Harvard College, Hauptfach Anglistik; Abschluss des Untergraduiertenstudiums 1954 mit summa cum laude. Er heiratete 1953 die Kunststudentin Mary Entwistle Pennington, mit der er nach Abschluss des Studiums ein Jahr an die Ruskin School of Drawing and Fine Art in Oxford, England, ging.


Auszeichnung - Siegfried-Unseld-Preis
Das Werk von Peter Handke wurde mit dem ersten Siegfried-Unseld-Preis der Siegfried Unseld-Stiftung ausgezeichnet.
Der Preis wurde am 28. September 2004, dem 80. Geburtstag von Siegfried Unseld, in Frankfurt überreicht.

(© 2004 Suhrkamp Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:
Mehrere Bibliotheksregale füllen die Bände, die in den vergangenen 400 Jahren über Don Juan, den Frauenverführer, geschrieben worden sind. Don Juan als Topos, als Sinnbild ewig ungestillter Lust und Leidenschaft. Nun widmet sich auch Peter Handke diesem Stoff mit der "endgültigen und einzig wahren Geschichte Don Juans", die von "ihm selbst erzählt" ist und die alle bislang bekannten Geschichten, Abenteuer und Anekdötchen für falsch erklärt. Warum nicht!

Da flüchtet sich an einem Maiennachmittag der von einem Motorrad verfolgte Don Juan in die Beinahe-Ruine einer Klosteranlage aus dem 17. Jahrhundert bei Paris, in der lediglich noch der Koch und Gärtner in dem ehemaligen Pförtnergebäude lebt und die meiste Zeit mit Lesen verbringt. Vor den Verfolgern gerettet, bleibt Don Juan eine Woche, findet schnell Vertrauen zu dem Einsiedler, der ihn rührend bekocht, und erzählt ihm an den folgenden 7 Tagen, was er in den vergangenen 7 Tagen, zwischen Kaukasus, Damaskus, Holland, Bergen, mit Frauen erlebt hat. Wir erfahren, dass Don Juan niemals eine Frau verführt hat oder von einer Frau verführt worden ist.

Da war die Hochzeit in einem kaukasischen Dorf. Don Juan und die Frau haben Blickkontakt und sie kam, "durch das Auge Don Juans auf ihr und darüber hinaus auf den Raum um sie herum, zu dem Bewußtsein ihrer bisherigen Einsamkeit, und daß sie dieser nun aber auf der Stelle ein Ende setzen würde. (...) Bewußtwerden der Einsamkeit - Energie, reine und unbedingte, des Begehrens. Und das äußerte sich bei der Frau als ein so stummes wie machtvolles, da in der Tat 'sieghaftes' Fordern, ein Einfordern; (...). Außerdem wurde die Frau jetzt durch dieses Einfordern, selbst wenn sie auch so schon eine Schönheit war, noch verschönt, bis zum Schöner-nicht-möglich, (...)" - Nein, nicht was der Leser jetzt vermuten könnte. "So genügte es ihm zu sagen, er sei, an der Saaltür stehend, nicht auf die junge Frau zugegangen. Und er sei auch nicht über sie gekommen oder was denn sonst noch. Und sie waren auch nicht miteinander in einem Nebenraum oder ins Freie hinaus verschwunden. Und sie hatten auch kein einziges Wort miteinander gewechselt, weder ein 'Komm!', noch ein 'Jetzt!', noch ein 'Es ist Zeit'. Und obwohl sie ohne Scheu und ohne Scham zusammengewesen waren, wie zwei nur zusammensein konnten, offen und am hellichten Tag und inmitten all der übrigen Festleute, hatte niemand Augen für sie gehabt, geschweige denn etwas bemerkt und gesehen; jenes andere Zeitsystem, welches durch ihrer beider Ineinanderübergehen, wie auch immer das geschah, in Kraft gesetzt wurde, machte, daß sie nicht mehr wahrnehmbar waren, entsprechend vielleicht jenen sich vorbeibewegenden Körpern, angesichts deren das menschliche Auge nicht schnell und andererseits auch nicht langsam genug ist, zu erkennen, daß die Körper da in einer Bewegung sind." - Ach! "Nachdem er endlich einen Bogen zur Braut hin geschlagen und ihr aus der Distanz pflichtgemäß mit seinem Blick sich offenbart hatte, tat er ein paar Schritte rückwärts und erzeugte so ein Magnetfeld, dem die junge Frau sich, wie etwas Selbstverständlichem, kurzentschlossen überließ." - So geschah das also.

In der Geschichte verschwimmen Realität mit Fiktion, Vergangenheit mit Gegenwart, Mythos mit Zitat. Am Anfang sagt der Ich-Erzähler: "Don Juan war schon immer auf der Suche nach einem Zuhörer gewesen. In mir hat er den eines schönen Tages gefunden. Seine Geschichte erzählte er mir nicht in der Ich-Form, sondern in der dritten Person. So kommt sie mir jetzt jedenfalls in den Sinn." - Vielleicht ist die Geschichte ja auch ein Traum, eine Wunschvorstellung, Sehnsucht.

In den 70-er/80-er Jahren habe ich Bücher von Handke, wie jeder damals an neuer Literatur Interessierte, geradezu verschlungen. Er war und ist ein Sprachschöpfer und -erfinder, wie es im deutschsprachigen Raum nicht viele gibt (vielleicht noch Martin Walser und Botho Strauß). In den vergangenen 15 Jahren habe ich es nicht mehr geschafft, das sprachlich-literarische Geschwurbel dieses Autors auf manchmal 600 Seiten zu Ende zu lesen. Nach langer Zeit nun also wieder einen Handke. Die Medien waren sich ja verdächtig einig: Da wurde von der literarischen Sensation dieses Herbstes, von Meisterwerk geredet. Ich verstehe das nicht. Vielleicht bin ich zu bodenständig. Die Sprachgewalt des Dichters steigert sich zu Schachtelsätzen, in denen etwas behauptet und gleichzeitig der Widerspruch formuliert wird. Das ist schon eine Kunst, die keiner sonst beherrscht. Verständlicher wird der Text aber dadurch nicht. Beim Lesen dieses Buches bin ich selten distanziert und unbeteiligt geblieben. Weder hat mich die Geschichte - von Handlung kann man kaum reden, noch die kunstvolle Sprache gepackt, oder wie man so sagt: hineingezogen. Kreative, kunstvolle Sprache mag ich schon gerne lesen, aber wenn man's übertreibt, wird's zum Kunstgewerbe und letztendlich langweilig.

Ein wenig fühle ich mich wie ein Gotteslästerer. Aber wenn dieses Buch nicht von Handke wäre, hätte ich es niemals zu Ende gelesen. Für Handke-Fans sicher ein Muß.

(© 2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

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