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Inhalt:
Peter Handke erzählt nichts weniger als »die endgültige und die einzig wahre Geschichte Don Juans«. Genauer gesagt: Er läßt Don Juan selbst erzählen, sieben Tage lang in einem Maigarten nahe Port-Royal-des-Champs, und nur ab und an findet sich ein Kommentar desjenigen, dem die Abenteuer der vergangenen sieben Tage vorgetragen werden. Dieser Zuhörer bezeugt, daß all die Don Juans im Fernsehen, in der Oper, im Theater oder auch im »primären Leben« die falschen sind. »Don Juan ist ein anderer. Ich sah ihn als einen, der treu war die Treue in Person.« Das heißt nun nicht, daß die Geschichten mit Frauen, Geschichten von geglückten Begegnungen und geglückten Abschieden, ausgeblendet bleiben, im Gegenteil: An jeder Station der Reise, die Don Juan zunächst zu einer Hochzeit in den Kaukasus führt, dann nach Damaskus, am dritten Tag in die nordafrikanische Enklave von Ceüta, weiter auf einen Bootssteg in einem Fjord bei Bergen, zu einer Düne in Holland
überall trifft er Frauen, mit denen er, energisch trauernd, in eine Zeit des großen Innehaltens eintauchen kann, in eine Zeit, in der Augenblick und Ewigkeit in eins fallen.
Zum Autor:
Geboren
am 18.03.1932 in der Kleinstadt Shillington, Pennsylvania,
als einziges Kind des Sekundarschullehrers und Diakon
Wesley Russel Updike und dessen Frau Linda Grace Hoyer.
Kindheit in materieller Bedrücktheit. Schulbesuch
weiterhin in Shillington. 1950 Stipendium zum Studium
am Harvard College, Hauptfach Anglistik; Abschluss des
Untergraduiertenstudiums 1954 mit summa cum laude. Er
heiratete 1953 die Kunststudentin Mary Entwistle Pennington,
mit der er nach Abschluss des Studiums ein Jahr an die
Ruskin School of Drawing and Fine Art in Oxford, England,
ging.
Auszeichnung
- Siegfried-Unseld-Preis
Das Werk von Peter Handke wurde mit dem ersten
Siegfried-Unseld-Preis der Siegfried Unseld-Stiftung
ausgezeichnet.
Der Preis wurde am 28. September 2004, dem 80. Geburtstag
von Siegfried Unseld, in Frankfurt überreicht.
(©
2004 Suhrkamp Verlag)
Buchbesprechung
- Rezension:
Mehrere Bibliotheksregale füllen die Bände,
die in den vergangenen 400 Jahren über Don Juan,
den Frauenverführer, geschrieben worden sind. Don
Juan als Topos, als Sinnbild ewig ungestillter Lust
und Leidenschaft. Nun widmet sich auch Peter Handke
diesem Stoff mit der "endgültigen und
einzig wahren Geschichte Don Juans", die von
"ihm selbst erzählt" ist und
die alle bislang bekannten Geschichten, Abenteuer und
Anekdötchen für falsch erklärt. Warum
nicht!
Da
flüchtet sich an einem Maiennachmittag der von
einem Motorrad verfolgte Don Juan in die Beinahe-Ruine
einer Klosteranlage aus dem 17. Jahrhundert bei Paris,
in der lediglich noch der Koch und Gärtner in dem
ehemaligen Pförtnergebäude lebt und die meiste
Zeit mit Lesen verbringt. Vor den Verfolgern gerettet,
bleibt Don Juan eine Woche, findet schnell Vertrauen
zu dem Einsiedler, der ihn rührend bekocht, und
erzählt ihm an den folgenden 7 Tagen, was er in
den vergangenen 7 Tagen, zwischen Kaukasus, Damaskus,
Holland, Bergen, mit Frauen erlebt hat. Wir erfahren,
dass Don Juan niemals eine Frau verführt hat oder
von einer Frau verführt worden ist.
Da
war die Hochzeit in einem kaukasischen Dorf. Don Juan
und die Frau haben Blickkontakt und sie kam, "durch
das Auge Don Juans auf ihr und darüber hinaus auf
den Raum um sie herum, zu dem Bewußtsein ihrer
bisherigen Einsamkeit, und daß sie dieser nun
aber auf der Stelle ein Ende setzen würde. (...)
Bewußtwerden der Einsamkeit - Energie, reine und
unbedingte, des Begehrens. Und das äußerte
sich bei der Frau als ein so stummes wie machtvolles,
da in der Tat 'sieghaftes' Fordern, ein Einfordern;
(...). Außerdem wurde die Frau jetzt durch dieses
Einfordern, selbst wenn sie auch so schon eine Schönheit
war, noch verschönt, bis zum Schöner-nicht-möglich,
(...)" - Nein, nicht was der Leser jetzt vermuten
könnte. "So genügte es ihm zu sagen,
er sei, an der Saaltür stehend, nicht auf die junge
Frau zugegangen. Und er sei auch nicht über sie
gekommen oder was denn sonst noch. Und sie waren auch
nicht miteinander in einem Nebenraum oder ins Freie
hinaus verschwunden. Und sie hatten auch kein einziges
Wort miteinander gewechselt, weder ein 'Komm!', noch
ein 'Jetzt!', noch ein 'Es ist Zeit'. Und obwohl sie
ohne Scheu und ohne Scham zusammengewesen waren, wie
zwei nur zusammensein konnten, offen und am hellichten
Tag und inmitten all der übrigen Festleute, hatte
niemand Augen für sie gehabt, geschweige denn etwas
bemerkt und gesehen; jenes andere Zeitsystem, welches
durch ihrer beider Ineinanderübergehen, wie auch
immer das geschah, in Kraft gesetzt wurde, machte, daß
sie nicht mehr wahrnehmbar waren, entsprechend vielleicht
jenen sich vorbeibewegenden Körpern, angesichts
deren das menschliche Auge nicht schnell und andererseits
auch nicht langsam genug ist, zu erkennen, daß
die Körper da in einer Bewegung sind."
- Ach! "Nachdem er endlich einen Bogen zur
Braut hin geschlagen und ihr aus der Distanz pflichtgemäß
mit seinem Blick sich offenbart hatte, tat er ein paar
Schritte rückwärts und erzeugte so ein Magnetfeld,
dem die junge Frau sich, wie etwas Selbstverständlichem,
kurzentschlossen überließ." - So
geschah das also.
In
der Geschichte verschwimmen Realität mit Fiktion,
Vergangenheit mit Gegenwart, Mythos mit Zitat. Am Anfang
sagt der Ich-Erzähler: "Don Juan war schon
immer auf der Suche nach einem Zuhörer gewesen.
In mir hat er den eines schönen Tages gefunden.
Seine Geschichte erzählte er mir nicht in der Ich-Form,
sondern in der dritten Person. So kommt sie mir jetzt
jedenfalls in den Sinn." - Vielleicht ist
die Geschichte ja auch ein Traum, eine Wunschvorstellung,
Sehnsucht.
In
den 70-er/80-er Jahren habe ich Bücher von Handke,
wie jeder damals an neuer Literatur Interessierte, geradezu
verschlungen. Er war und ist ein Sprachschöpfer
und -erfinder, wie es im deutschsprachigen Raum nicht
viele gibt (vielleicht noch Martin Walser und Botho
Strauß). In den vergangenen 15 Jahren habe ich
es nicht mehr geschafft, das sprachlich-literarische
Geschwurbel dieses Autors auf manchmal 600 Seiten zu
Ende zu lesen. Nach langer Zeit nun also wieder einen
Handke. Die Medien waren sich ja verdächtig einig:
Da wurde von der literarischen Sensation dieses Herbstes,
von Meisterwerk geredet. Ich verstehe das nicht. Vielleicht
bin ich zu bodenständig. Die Sprachgewalt des Dichters
steigert sich zu Schachtelsätzen, in denen etwas
behauptet und gleichzeitig der Widerspruch formuliert
wird. Das ist schon eine Kunst, die keiner sonst beherrscht.
Verständlicher wird der Text aber dadurch nicht.
Beim Lesen dieses Buches bin ich selten distanziert
und unbeteiligt geblieben. Weder hat mich die Geschichte
- von Handlung kann man kaum reden, noch die kunstvolle
Sprache gepackt, oder wie man so sagt: hineingezogen.
Kreative, kunstvolle Sprache mag ich schon gerne lesen,
aber wenn man's übertreibt, wird's zum Kunstgewerbe
und letztendlich langweilig.
Ein
wenig fühle ich mich wie ein Gotteslästerer.
Aber wenn dieses Buch nicht von Handke wäre, hätte
ich es niemals zu Ende gelesen. Für Handke-Fans
sicher ein Muß.
(©
2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
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