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Roman/Erzählung

Der Augenblick der Liebe

Autor: Martin Walser

Roman
gebunden mit Schutzumschlag, 254 Seiten
erschienen: Juli 2004
Rowohlt
ISBN: 3-498-07353-2
Preis: 19,90 Euro

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Klappentext:
Gottlieb Zürn, bekannt aus Martin Walsers Romanen Das Schwanenhaus und Die Jagd, Ex-Makler, Privatgelehrter mit Domizil am Bodensee, erhält Besuch von einer Doktorandin. Sie interessiert sich für seine Aufsätze über den französischen Philosophen LaMettrie und überreicht ihm, er ist erstaunt und merkwürdig geschmeichelt, eine Blume. Sie könnte, wie er sieht, seine Enkelin sein. Und doch vernimmt er sofort das Klirren erotischer Möglichkeiten. Sie, nebulös: "Es gibt nichts, wofür man nicht gestraft werden kann."

Trotzdem, und weil er mit seiner Frau Anna längst im selben Wortschatz untergeht, folgt er ihr nach Kalifornien zu einem Kongreß über La Mettrie. Dort erfüllt sich ihre Prophezeiung - auf eine Weise, die gleich in mehrfacher Hinsicht zum Eklat führt. Eros, Ehe und Erlebnishunger sind die äußeren Markierungspunkte dieses Romans, das Verhältnis von Leben, Literatur und Todeslust ist sein geheimes Motiv.


Zum Autor:
Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee. Er hat für sein literarisches Werk zahlreiche Preise enthalten, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Außerdem wurde er mit dem Orden "Pour le Mérite" ausgezeichnet und zum "Officier de l'Ordre des Arts et des Lettres" ernannt.

(© 2004 Rowohlt Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:

Wahrscheinlich hat kein deutscher Autor mehr Rezensionen für ein neues Buch erhalten, als Martin Walser für seinen im Juli erschienenen Roman Der Augenblick der Liebe. Alle namhaften Kritiker (und vor allem die unbekannten) haben sich mit mehr oder weniger Voreingenommenheit, Häme und Polemik auf dieses Buch gestürzt. Und was haben sie nicht alles darin entdeckt: eine Entgegnung auf das schlüpfrige Buch einer SWR-Redakteurin, in dem eine ebenso alte TV-Mitarbeiterin ein Verhältnis mit einem Promi-Autor vom Bodensee hat, der älter als ihr Vater ist - natürlich Martin Walser; oder eine nachträgliche Rechtfertigung für Walsers 1998 sehr kontrovers aufgenommene und diskutierte Preisrede in der Paulskirche. Vielleicht kann man dies tatsächlich aus dem Buch herauslesen, aber das sind doch alles eitel gepflegte Insiderprobleme. Welchen literaturbegeisterten "Normalleser" interessieren diese kleinkarierten literarischen Paparazzi-Erkenntnisse?

Wenn man den Begriff mag, kann man schon sagen, dass Martin Walser ein "Skandal"-Buch geschrieben hat: ein Tabubruch - eine Liebe zweier Menschen, die 40 Jahre Altersunterschied trennen.

Dabei fing alles so unverfänglich an. Der ehemalige und inzwischen über 60 Jahre alte Immobilienmakler Gottlieb Zürn (für Walser-Kenner: der nämliche aus dem Schwanenhaus) hat das Geschäft auf seine Frau übertragen und beschäftigt sich nun als "Privatgelehrter", wie er sich gerne sieht, mit Philosophie. Schon vor Jahren hat er zwei Aufsätze über den heute nahezu unbekannten französischen Philosophen des frühen 18. Jahrhunderts, La Mettrie, verfasst.

Und eben diese beiden Aufsätze wecken das Interesse einer in den USA promovierenden deutschen Studentin, Beate Gutbrod, an dem Verfasser. Sie will ihn kennenlernen. Und nach ihrem Besuch und einem zweistündigen, Kaffee trinkenden Gespräch auf Zürns Terrasse ist für beide nichts mehr, wie es vorher war. Es ist "unglaublich", aber wie ein Blitz hat die Liebe bei beiden eingeschlagen, was ihnen erst in den nächsten Tagen bewusst wird. Anna, Zürns Frau, die bei dem Terrassenplausch dabei war, und wie die meisten Ehefrauen in diesen Beziehungsangelegenheiten mit besonderen Sensoren ausgestattet ist, sagt nach dem Besuch: "Nimm's nicht so schwer, vierzig Jahre, das kann man doch auf sich beruhen lassen". - Eben nicht! Hier irrt sich die sonst so abgeklärte und pragmatische Anna.

Gottlieb scheint um den Verstand gebracht zu sein, er kann ohne Beate nicht mehr leben. Und für die nach den Ferien wieder in die USA zurückgekehrte Beate ist Gottlieb zum "Bestandteil ihres Lebens" geworden und von dort nicht mehr wegzudenken. "Am Telefon, seine Stimme! Sie möchte am ganzen Körper Ohren haben."

Gottlieb wird nach ein paar Monaten zu einem Philosophenkongress nach Kalifornien eingeladen. Ein Traum erfüllt sich: Gottlieb und Beate werden drei Wochen lang zusammen sein. Ein Paar sein. Eins sein. Die ersten Tage empfinden die beiden als erotischen Vulkanausbruch, wobei Gottlieb gelegentlich Zweifel beschleichen, warum Beate ausgerechnet ihn liebt, ob sie es wirklich so meine oder ob sie ihm etwas vorspiele. Sein Vortrag vor den internationalen LaMettrie-Koryphäen hat nicht den erhofften Erfolg. Beate ist froh, dass der offizielle Teil des Besuchs zu Ende ist und dass nun endlich die gemeinsamen Ferien mit den so lange ersehnten Glücksexzessen beginnen können. Aber schon einen Tag später bucht Gottlieb heimlich den Flug um: für den nächsten Tag. Er hält es nicht länger aus in Amerika, ohne Anna. Wie von einer übermächtigen Anziehungskraft wird er regelrecht zu ihr hingezogen. Für Beate der GAU ...

Vordergründig geht es in dem Buch um Liebe, Lust und Abenteuer. Hinter dieser äußeren Handlungsebene verbergen sich Sehnsucht, Selbstzweifel, Angst vorm Alter, Angst vorm Tod. Meisterhaft, wie es Walser gelungen ist, die verschiedenen Erzählstränge von realer Handlung und Gedankengesprächen zwischen der atheistisch-materialistischen Sicht der Welt LaMettries (der wegen seiner Ansichten aus Frankreich fliehen musste und von Friedrich II. in Potsdam Asyl erhielt) und den echten erotisch-emotionalen Bedürfnissen der Protagonisten zu verknüpfen.

Und dann diese Sprache. Walser, ein Könner der Sprachschöpfung, ist in diesem Buch so gut wie schon lange nicht mehr.

Einige Absätze sind in Englisch geschrieben, etwa wenn die zweisprachig lebende und denkende Beate in Amerika aus Liebe den Kopf verliert und in eine englisch/deutsche Identitätskrise gerät; oder in französisch, wenn die beiden La Mettrie zitieren.

(© 2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

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