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Klappentext:
Gottlieb Zürn, bekannt aus Martin Walsers Romanen
Das Schwanenhaus und Die Jagd, Ex-Makler,
Privatgelehrter mit Domizil am Bodensee, erhält
Besuch von einer Doktorandin. Sie interessiert sich
für seine Aufsätze über den französischen
Philosophen LaMettrie und überreicht ihm, er ist
erstaunt und merkwürdig geschmeichelt, eine Blume.
Sie könnte, wie er sieht, seine Enkelin sein. Und
doch vernimmt er sofort das Klirren erotischer Möglichkeiten.
Sie, nebulös: "Es gibt nichts, wofür
man nicht gestraft werden kann."
Trotzdem, und weil er mit seiner Frau Anna längst
im selben Wortschatz untergeht, folgt er ihr nach Kalifornien
zu einem Kongreß über La Mettrie. Dort erfüllt
sich ihre Prophezeiung - auf eine Weise, die gleich
in mehrfacher Hinsicht zum Eklat führt. Eros, Ehe
und Erlebnishunger sind die äußeren Markierungspunkte
dieses Romans, das Verhältnis von Leben, Literatur
und Todeslust ist sein geheimes Motiv.
Zum
Autor:
Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg,
lebt in Überlingen am Bodensee. Er hat für
sein literarisches Werk zahlreiche Preise enthalten,
darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998
den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Außerdem
wurde er mit dem Orden "Pour le Mérite"
ausgezeichnet und zum "Officier de l'Ordre des
Arts et des Lettres" ernannt.
(©
2004 Rowohlt Verlag)
Buchbesprechung - Rezension:
Wahrscheinlich hat kein deutscher Autor mehr Rezensionen
für ein neues Buch erhalten, als Martin Walser
für seinen im Juli erschienenen Roman Der Augenblick
der Liebe. Alle namhaften Kritiker (und vor allem
die unbekannten) haben sich mit mehr oder weniger Voreingenommenheit,
Häme und Polemik auf dieses Buch gestürzt.
Und was haben sie nicht alles darin entdeckt: eine Entgegnung
auf das schlüpfrige Buch einer SWR-Redakteurin,
in dem eine ebenso alte TV-Mitarbeiterin ein Verhältnis
mit einem Promi-Autor vom Bodensee hat, der älter
als ihr Vater ist - natürlich Martin Walser; oder
eine nachträgliche Rechtfertigung für Walsers
1998 sehr kontrovers aufgenommene und diskutierte Preisrede
in der Paulskirche. Vielleicht kann man dies tatsächlich
aus dem Buch herauslesen, aber das sind doch alles eitel
gepflegte Insiderprobleme. Welchen literaturbegeisterten
"Normalleser" interessieren diese kleinkarierten
literarischen Paparazzi-Erkenntnisse?
Wenn
man den Begriff mag, kann man schon sagen, dass Martin
Walser ein "Skandal"-Buch geschrieben hat:
ein Tabubruch - eine Liebe zweier Menschen, die 40 Jahre
Altersunterschied trennen.
Dabei
fing alles so unverfänglich an. Der ehemalige und
inzwischen über 60 Jahre alte Immobilienmakler
Gottlieb Zürn (für Walser-Kenner: der nämliche
aus dem Schwanenhaus)
hat das Geschäft auf seine Frau übertragen
und beschäftigt sich nun als "Privatgelehrter",
wie er sich gerne sieht, mit Philosophie. Schon vor
Jahren hat er zwei Aufsätze über den heute
nahezu unbekannten französischen Philosophen des
frühen 18. Jahrhunderts, La Mettrie, verfasst.
Und eben diese beiden Aufsätze wecken das Interesse
einer in den USA promovierenden deutschen Studentin,
Beate Gutbrod, an dem Verfasser. Sie will ihn kennenlernen.
Und nach ihrem Besuch und einem zweistündigen,
Kaffee trinkenden Gespräch auf Zürns Terrasse
ist für beide nichts mehr, wie es vorher war. Es
ist "unglaublich", aber wie ein Blitz hat
die Liebe bei beiden eingeschlagen, was ihnen erst in
den nächsten Tagen bewusst wird. Anna, Zürns
Frau, die bei dem Terrassenplausch dabei war, und wie
die meisten Ehefrauen in diesen Beziehungsangelegenheiten
mit besonderen Sensoren ausgestattet ist, sagt nach
dem Besuch: "Nimm's nicht so schwer, vierzig
Jahre, das kann man doch auf sich beruhen lassen".
- Eben nicht! Hier irrt sich die sonst so abgeklärte
und pragmatische Anna.
Gottlieb scheint um den Verstand gebracht zu sein, er kann ohne Beate nicht mehr leben. Und für die nach den Ferien wieder in die USA zurückgekehrte Beate ist Gottlieb zum "Bestandteil ihres Lebens" geworden und von dort nicht mehr wegzudenken. "Am Telefon, seine Stimme! Sie möchte am ganzen Körper Ohren haben."
Gottlieb
wird nach ein paar Monaten zu einem Philosophenkongress
nach Kalifornien eingeladen. Ein Traum erfüllt
sich: Gottlieb und Beate werden drei Wochen lang zusammen
sein. Ein Paar sein. Eins sein. Die ersten Tage empfinden
die beiden als erotischen Vulkanausbruch, wobei Gottlieb
gelegentlich Zweifel beschleichen, warum Beate ausgerechnet
ihn liebt, ob sie es wirklich so meine oder ob sie ihm
etwas vorspiele. Sein Vortrag vor den internationalen
LaMettrie-Koryphäen hat nicht den erhofften Erfolg.
Beate ist froh, dass der offizielle Teil des Besuchs
zu Ende ist und dass nun endlich die gemeinsamen Ferien
mit den so lange ersehnten Glücksexzessen beginnen
können. Aber schon einen Tag später bucht
Gottlieb heimlich den Flug um: für den nächsten
Tag. Er hält es nicht länger aus in Amerika,
ohne Anna. Wie von einer übermächtigen Anziehungskraft
wird er regelrecht zu ihr hingezogen. Für Beate
der GAU ...
Vordergründig
geht es in dem Buch um Liebe, Lust und Abenteuer. Hinter
dieser äußeren Handlungsebene verbergen sich
Sehnsucht, Selbstzweifel, Angst vorm Alter, Angst vorm
Tod. Meisterhaft, wie es Walser gelungen ist, die verschiedenen
Erzählstränge von realer Handlung und Gedankengesprächen
zwischen der atheistisch-materialistischen Sicht der
Welt LaMettries (der wegen seiner Ansichten aus Frankreich
fliehen musste und von Friedrich II. in Potsdam Asyl
erhielt) und den echten erotisch-emotionalen Bedürfnissen
der Protagonisten zu verknüpfen.
Und
dann diese Sprache. Walser, ein Könner der Sprachschöpfung,
ist in diesem Buch so gut wie schon lange nicht mehr.
Einige
Absätze sind in Englisch geschrieben, etwa wenn
die zweisprachig lebende und denkende Beate in Amerika
aus Liebe den Kopf verliert und in eine englisch/deutsche
Identitätskrise gerät; oder in französisch,
wenn die beiden La Mettrie zitieren.
(©
2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
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