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Rückentext:
Das Waisenhaus St. Vincents, in Brooklyn, frühe
siebziger Jahre. Für Lionel Essrog, der am Tourette-Syndrom
leidet (dessen Symptome u.a. darin bestehen Unsinn zu
reden, alles und jeden in Reichweite zu berühren
und umherliegende Gegenstände neu zu arrangieren),
ist Frank Minna so etwas wie ein Erlöser. Der im
ganzen Viertel beliebte Ganove taucht eines Tages auf
und nimmt Lionel und drei weitere Jungs mit auf seine
mysteriösen Jobs quer durch Brooklyn. Aus den vier
Waisen werden so die Minna Men, die von Detektei- bis
Fahrdiensten alles anbieten. Ihre Tage und Nächte
drehen sich um Frank, den Prinzen von Brooklyn, der
mit großer Klappe durchs Leben eilt.
Dann kommt die furchtbare Nacht, in der Frank niedergestochen
wird und Lionel auf sich selbst gestellt ist. Auf der
Suche nach Franks Mörder verstrickt er sich tiefer
und tiefer in Brooklyns Unterwelt und versucht sich
in den Verflechtungen aus Drohungen und Gefälligkeiten
zurechtzufinden, die die geheimen und unüberschaubaren
Gesetze dieses Viertels ausmachen. Seine Tourette-Anfälle
machen ihn dabei zu einem Sonderling, der aber herausfindet,
dass niemand ist, was er zu sein schien: weder Frank,
noch seine verbitterte Frau Julia, nicht einmal die
Minna Men.
In Motherless Brooklyn finden sich messerscharfe Dialoge,
durchtriebener Sprachwitz und die Komplexität des
Plots Seite an Seite mit einer Charakterisierung Brooklyns.
Und so wird dieses Viertel mit seiner ureigenen Sprache
und Lebensart, seiner Mischung aus aggressiver Pose
und Sentimentalität, selbst zu einer Hauptfigur
der Geschichte.
(©
2001 Tropen Verlag)
Fazit:
Motherless
Brooklyn ist kein leicht einzuordnendes Buch. Roman,
Krimi, Psychogramm? Rasant geschrieben, verwegen assoziiert
oder einfach nur wirr? Ich gestehe, ich bin überfordert,
dies zu beurteilen.
Lionel
Essrog ist Mitglied der - ja, was eigentlich - Bande?
Mini-Mafia? Selbsthilfegruppe? namens Minna Men. Frank
Minna hat vier Jungs aus dem Waisenhaus geholt und lässt
sie für sich arbeiten. Offiziell sind sie ein Fahrservice,
sie selber sehen sich als Detektive, nüchtern betrachtet
erledigen sie Schieberjobs. Frank Minna und sein Bruder
selber sind größer im Geschäft, aber
die Minna Men bekommen dies nur begrenzt mit. Mit Franks
gewalt-samen Tod werden sie selbstständig und nehmen
ihr Schicksal in die eigenen Hände - mit unterschiedlichem
Erfolg.
Und
unterschiedlicher Aufmerksamkeit, denn Lethem widmet
sich hauptsächlich Lionel, der unter dem Tourette-Syndrom
leidet. Was das ist? Eine Kostprobe: "Mein Mundwerk
lässt sich nicht zügeln, obgleich ich meist
nur flüstere oder die Lippen bewege, als würde
ich laut lesen, mein Adamsapfel springt auf und ab,
unter meinen Wangen pocht die Kiefermuskulatur wie ein
Miniherz, der unter-drückten Stimme entfliehen
die Worte tonlos, reine Geister ihrer selbst, leere
Hülsen ohne Laut und Atem. In dieser gedämpften
Form fließen die Wörter aus dem Füllhorn
meines Geistes, um über die Erdoberfläche
zu jagen und die Realität zu kitzeln wie Finger
die Klaviatur. Streichelnd. Lockend."
Lionel
hat Ticks - verbale, mentale und physische. Er muss
unablässig brabbeln, zählen, ordnen, berühren
und natürlich bringt ihn das in die entsprechenden
Situationen. Das ist oft komisch, manchmal ein origineller
Trick, um der Handlung eine neue Wen-dung zu geben,
aber oft auch einfach nur langatmig, insbesondere je
öfter man umblättert. Viele würden sagen,
100 Seiten weniger hätten dem Buch gut getan. Andererseits
gewinnt die eigentliche Geschichte, fast hätte
ich mich jetzt auf Krimi festgelegt, gegen Ende des
Buches an Tempo und Spannung. Die zahlreichen Handlungsstränge
werden endlich zusammengeführt, einige davon allerdings
so unspektakulär, dass man fast verärgert
ist, so viele Seiten Tourette durchstanden zu haben,
nur um so kurz abgefertigt zu werden.
Definitiv
Geschmackssache, aber keinesfalls ein Buch von der Stange.
Mir jedenfalls hat es gefallen, aber ich rede auch mit
meinen Blumen, manchmal sogar mit mir selber. Tourette-verdächtig!
(©
2002 Philip Schreiterer für all-around-new-books.de)
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