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Wirtschaft, Politik & Zeitgeschichte

Ist Deutschland noch zu retten?

Autor: Hans-Werner Sinn

gebunden mit Schutzumschlag, 499 Seiten
erschienen: August 2004
Econ
ISBN: 3-430-18533-5
Preis: 25,00 Euro

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Inhalt:
Deutschland ist zum kranken Mann Europas geworden. Das Bildungssystem ist miserabel, die Wettbewerbsfähigkeit katastrophal. Die demografische Entwicklung lässt uns einknicken, die sozialen Sicherungssysteme sind marode und produzieren noch mehr Arbeitslosigkeit. Politiker, Wirtschaft und Gewerkschaften schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu. Wie konnte
es so weit kommen? Hans-Werner Sinn gibt aufrüttelnde Antworten und zeigt in einem wegweisenden Zehn-Punkte-Programm für die Erneuerung der Wirtschaft, was sofort getan werden muss, um Deutschland zu retten.

(© 2004 Econ Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:
Es ist erschreckend, wie wenig die meisten Intellektuellen in unserem Land von ökonomischen Zusammenhängen verstehen. Und doch reden sie mit, engagiert und eloquent, in seicht dahinplätschernden Diskussionen und Talkshows oder schreiben kompetent scheinende Kommentare in Zeitungen. Und leider - man möchte es nicht glauben - gehören zu der großen Gruppe der ökonomischen Laien auch zahlreiche Politiker. Nur so sind die oft unverständlichen und unlogischen, oftmals populistischen Aussagen und Forderungen zu erklären. Woher kommt die Unwissenheit und Ablehnung alles Ökonomischen, ja das Ignorieren von wirtschaftlichen Grundregeln unserer Gesellschaft, der Marktwirtschaft, die nun mal nach diesen Prinzipien funktioniert?

Die Generationen, die heute unter 60 Jahre alt sind, sind in einerZeit aufgewachsen und sozialisiert worden, in der die Wirtschaft (nach dem Krieg) boomte. Das Wirtschaftswunder. Diese Entwicklung haben wir verinnerlicht. In den satten 70-er Jahren - zu Zeiten der Vollbeschäftigung - hat die erste Nachkriegsgeneration dann einen schönen Traum des sozialistischen Schlaraffenlandes geträumt, den zu verwirklichen nur die Kapitalisten noch fett im Weg standen. Alles was mit Wirtschaft, Kapital und Unternehmern zu tun hatte, war anrüchig. Das Steigen der Gehälter war selbstverständlich. Brechts Zitat "Was ist schon der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank" war geläufig, welche Auswirkung die Anhebung des Diskontsatzes oder eine Lohnsteigerung von 5 Prozent auf das Investitionsverhalten der Unternehmen hat, wusste und weiß kaum jemand der Sozialträumer.
Seit der Regierungszeit Willy Brandts stiegen die Sozialausgaben des Staates bis heute kontinuierlich an. Die Wirtschaft brummte, und der Staat hatte ja Geld, die "Staatsknete", die man abgreifen konnte und wollte, wo es nur möglich war, gleichzeitig wurde das Armrechnen bei der Steuererklärung zum Volkssport der Besserverdienenden. Und als der volkswirtschaftliche Motor nach zwei Ölkrisen in den 80-er Jahren ein wenig ins Stottern geriet, und die Steigerung der Sozialausgaben deutlich über der Steigerung des Bruttosozialprodukts lag, haben wir nicht einen Gang zurückgeschaltet, sondern sind mit Vollgas weitergefahren und haben das fehlende Geld eben geliehen. Stets standen die Politiker vor Wahlen, und wer wollte da etwas an den Sozialausgaben und Subventionen kürzen? Im Gegenteil! Und alle haben wir davon profitiert.
So ging es bis heute, mit dem Ergebnis, dass die öffentliche Hand (Wer ist das? Wir alle!!) mit weit über einer Billion EURO verschuldet ist. Unser Wohlstand auf Pump steht auf sehr wackeligen Füßen. Und zu allem Übel einer fehlgelaufenen Entwicklung der alten BRD kamen dann noch Globalisierung, Wende und EU-Erweiterung hinzu, die ein "Weiter so!" unmöglich gemacht haben. Aber Konsequenzen wurden nicht ergriffen.
Heute, wo uns nur noch ein radikales Umdenken und Umlenken des aus dem Ruder gelaufenen Kurses unseres Staatsschiffs vor dem Zusammenprall mit einem ökonomischen Eisberg retten kann, jammern wir als Besitzstandswahrer, wenn wir ein paar EURO weniger in der Tasche haben oder ein paar Stunden mehr arbeiten sollen. Wir glauben nicht, dass es unserem Staat schlechtgeht, denn kritische Stimmen gab es schon oft und doch ging alles immer so weiter.

Endlich zur Sache, zum Buch: Hans-Werner Sinn, einer der führenden Nationalökonomen unseres Landes, hat mit Ist Deutschland noch zu retten? ein großartiges Buch geschrieben, in dem er Deutschland als Patienten bezeichnet, der durchaus gute Heilungschancen besitzt, der bislang allerdings noch der Diagnose misstraut und deshalb eine Therapie ablehnt. Ganz sachlich werden die Fehlentwicklungen unseres so geliebten Sozialstaates analysiert (zu hohe Löhne, zu hohe Sozialabgaben auf die Löhne, zu geringe Jahresarbeitszeit, zu wenig Investitionen). Die größten Blockierer und Veränderungsverhinderer stellen die Betonfraktionäre der Tarifparteien dar. Mit zahlreichen Beispielen und einfachen Tabellen und Statistiken gelingt es Sinn, auch Nichtfachleuten komplizierte ökonomische Zusammenhänge zu vermitteln. Wenn 41% der Wahlberechtigten in unserem Land den größten Teil ihres Einkommens vom Staat beziehen (Rente, Arbeitslosengld, Sozialhilfe, BAföG), kann man nachvollziehen, wie schwierig es politisch ist, Veränderungen durchzusetzen. Andererseits ist dieser hohe Anteil nicht länger zu finanzieren. Die wenigen sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer brechen unter der Abgabenlast zusammen und verlieren die Lust an legaler Arbeit.

Wer sich wirklich offen und interessiert auf dieses Buch einlässt, wird zu verblüffenden Erkenntnissen kommen. Nach der aufmerksamen Lektüre durchschaut man, dass es in den zahlreichen Quassel-Talkshows nicht um Politik und Problembewältigung geht, sondern um Ablenkungsmanöver von den eigentlichen Schwierigkeiten und um Selbstdarstellung der Redenden. Man hört und liest die Tages-Nachrichten kritischer. Führende Vertreter aus der Wirtschaft und erfahrene ehemalige Politiker, die nicht mehr im Alltags-Parteiengezänk verstrickt sind und heute als vortreffliche Analysten der gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Situation in Deutschland auftreten, sind von dem Buch begeistert.

Die Frage "Ist Deutschland noch zu retten?" beantwortet Hans-Werner Sinn mit "Ja, mit viel Mut!" Ich halte das Buch für eine exzellente Anamnese und Diagnose - um bei der Krankenmetapher zu bleiben - der grundlegenden Schwierigkeiten unseres Sozialstaats. Aber dabei bleibt es nicht. Auch konsequente Therapievorschläge werden angeboten. So, wie wir seit 30 Jahren über unsere Verhältnisse gelebt und den Sozialstaat ausgeknautscht haben, geht es nicht mehr weiter, angesichts der Lohnkosten in Ost-Europa, die zum Teil 10 Prozent der deutschen betragen. Dies alles wird aus der Sicht des sachlich-kritischen Ökonomen dargestellt. Jetzt brauchen wir nur noch Politiker aus Regierung und Opposition, die uns Bürgern die Situation ungeschönt vermitteln und dann sozialverträglich umsetzen. In anderen Ländern ist dies gelungen.

Dieses Buch öffnet die Augen und hilft zu verstehen. Wir durchleben die größte Krise und Bewährungsprobe unserer Republik und Demokratie seit ihrer Gründung. Es geht um unsere Zukunft. Dies sollte uns die Zeit für die Lektüre wert sein.

(© 2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

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