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Wirtschaft, Politik & Zeitgeschichte

Deutschland. Der Abstieg eines Superstars

Autor: Gabor Steingart

Taschenbuch, 304 Seiten
erschienen: März 2004
Piper
ISBN: 3-492-04615-0
Preis: 13,00 Euro

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Klappentext:
Nachdem der Sozialismus auf deutschem Boden gescheitert ist, ist nun auch das heutige System der Sozialen Marktwirtschaft am Ende: Das "Modell Deutschland" verschwindet im Nebel der Geschichte - unwiderruflich. Auferstanden aus den Ruinen der Hitler-Jahre, weltweit beneidet, oft kopiert, hat es seit längerem schon aufgehört zu funktionieren. Das einstige Erfolgssystem hat sich selbst übersteuert. Gabor Steingart zieht eine pointierte und überraschende Schlussbilanz. Er analysiert Aufstieg und Absturz des Wohlfahrtsstaates, erzählt von Irrtümern, Missverständnissen und den Bequemlichkeiten der politischen Elite. Alles zwingt uns zum Neustart. Vieles wird sich ändern in den kommenden Jahren: unsere Art zu arbeiten, zu leben, Politik zu machen. Die Summe der Neuerungen kommt einer zweiten Staatsgründung gleich. Das neue Deutschland - in diesem provozierenden Buch wird es sichtbar.

(© 2004 Piper Verlag)


Fazit:
Seit Jahren warten wir nun schon auf den wirtschaftlichen Aufschwung - vergebens. Das Bruttoinlandsprodukt will einfach nicht steigen, die Zahl der Arbeitslosen nicht fallen. Das einzige, das kontinuierlich steigt, sind die Sozialausgaben des Staates, so dass bei den öffentlichen Haushalten das Defizit stets größer wird und durch immer mehr Schulden ausgeglichen werden muss, die inzwischen die unvorstellbare Summe von 1,3 Billionen EUR erreicht haben. Ein Ende dieser katastrophalen Entwicklung scheint nicht in Sicht. "Unser Wirtschafts- und Sozialsystem muss dringend reformiert werden", hören wir jeden Sonntagabend bei Sabine Christiansen, aber außer immer höheren Abgaben bei der Gehaltsabrechnung und 10 EUR Praxisgebühr bemerken wir nichts von Veränderungen. Reformieren reicht nicht mehr aus, grundsätzliche Veränderungen sind nötig.

In den vergangenen Wochen hat der SPIEGEL mehrmals durch ausführliche Geschichten über unser Sozialsystem und die Förderung des Aufbau-Ost endlich eine breite Diskussion über die Zukunft der Deutschland-AG, von der wir ja alle einen unverkäuflichen Anteilschein besitzen, angestoßen.

Der Wirtschaftsjournalist und Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros, Gabor Steingart, hat nun ein exzellentes Buch vorgelegt, in dem er belegt, dass Deutschland zwar regierungsfähig, nicht aber reformfähig ist. Die Ursachen liegen in der Gründung der Bundesrepublik und ihrem Grundgesetz. Nach der Hitler-Diktatur wollte man unter dem Motto "Nie wieder!" einen Anti-Führer-Staat etablieren. So ist mit Bundestag und Bundesrat zwar ein stabiles System entstanden, das jedoch durch seine Schwerfälligkeit heute als das langsamste Regierungssystem der Welt angesehen wird. Die beiden Organe blockieren sich gegenseitig und lassen Veränderungen und echte Reformen kaum zu. Der Sozialstaat, auf den wir so stolz sind und in dem die meisten von uns sich in den letzten Jahrzehnten ganz gut eingerichtet haben, ist entstanden in einer industriellen Vollerwerbsgesellschaft mit zweistelligem Wirtschaftswachstum. Kluge Wirtschaftspolitiker haben bereits damals bei der Entstehung des Systems auf mögliche Gefahren hingewiesen, in der Aufbau-Euphorie wollte dies niemand hören, schon gar nicht Politiker wie Adenauer oder Willy Brandt.

Heute haben wir den Schlamassel: Die Sozialausgaben wuchsen doppelt so schnell wie die Volkswirtschaft, was sich in Rezessionszeiten noch potenziert. Der Wohlfahrtsstaat wurde geradezu ausgebeutet.

Der Autor lässt uns mit dieser Erkenntnis aber nicht sitzen. In kurzen Kapiteln analysiert er die Entwicklung des Modells Deutschland von Bismarck bis heute, wobei der Schwerpunkt bei der Gründung der BRD liegt, weil da die Schwachstellen in dem Sozialsystem entstanden sind. Steingart begnügt sich nicht mit Analyse und Kritik, er entwickelt Theorien und praktische Vorschläge, wie unser Sozialstaat gerettet werden kann. Die Veränderungen kommen einer zweiten Staatsgründung gleich, aber wenn 80 Millionen Menschen dies wollen, könnte unser Land in ein paar Jahren wieder der Musterschüler an der wirtschaftlichen Weltspitze sein.

Das Buch ist flüssig geschrieben und für jedermann, der sich für die sozialen und wirtschaftlichen Probleme unseres Staates interessiert, gut verständlich. Wenige, doch klare Schaubilder tragen zur Erläuterung bei.

Das kluge, sachliche, nie polemische Buch bietet eine gute Diskussionsgrundlage; es dient zur Allgemeinbildung im besten Sinne. Wer dieses Buch gelesen hat, wird künftig Nachrichten in der Presse oder im Fernsehen anders wahrnehmen und verstehen.

Zum Schluss eine Anmerkung für den Verlag: Auch wenn aus Aktualitätsgründen ein solches Buch schnell auf den Markt kommen muss, sollte auf ein sorgfältiges Lektorat mit Korrekturen nicht verzichtet werden. Die Fehlerquote liegt deutlich über der Toleranzgrenze!

(© 2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

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