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Inhalt:
Diese Nation hat keine
Ideologie, sie ist eine, sagt der Amerikakenner Detlef Junker.
Macht und Mission - das ist der Stoff, der Amerika zusammenhält.
Junker zeigt: Missionarisches Sendungsbewusstsein, strategische
Macht und wirtschaftliche Interessen gehörten für
Amerika immer zusammen. Bush versteht sich als Gotteskrieger
im Namen der Freiheit und steht damit in einer langen Tradition.
Schon die ersten Siedler waren der Überzeugung, mit Gott
einen neuen Bund eingegangen zu sein: Diese Zivilreligion
ist zentral für die amerikanische Mentalität. Und
genau dies bricht in der aktuellen Krise neu auf - mit gewaltigen
Konsequenzen für die Welt. Ein brillant geschriebenes
Buch über die innere Motivation und das außenpolitische
Kalkül der Supermacht USA.
(©
2003 Herder Verlag)
Buchbesprechung-Rezension:
Dies ist ein zeitgemäßes Sachbuch über die
weltanschauliche Basis der heutigen US-amerikanischen Außenpolitik.
Junker entwickelt in 8 chronologischen Kapiteln die maßgeblichen
Einflüsse seit der Unabhängigkeit, unter denen die
USA ihre Außenpolitik formulierten und ausführten.
Anders, als es in der teilweise sehr aufgeregten öffentlichen
Diskussion üblich ist, zeigt Junker ruhig und klar auf,
wie sehr auch unpolitisches, ja religiöses, Sendungsbewusstsein
dazu beiträgt, dass die USA sich heute als Werkzeug der
Vorsehung betrachten. Seiner Argumentation kann gut folgen,
wer die Kapitel aufmerksam liest und auch einmal eine der
angeführten Quellen heranzieht.
Zum
Inhalt
Zunächst wird für das erste Jahrhundert der Nation
der Drang nach Westen, das Erobern des Raumes in Abwesenheit
etablierter Konkurrenz (sprich: Europäischer Nationalstaaten
mit ihren Grenzen) geschildert. Griffige Beispiele für
die Nutzung geschwächter Staaten als leichte Beute bei
Vertragsschluss zeigen klar, wie realpolitisch schon im 18.
Jahrhundert in Washington gehandelt wurde.
Dann folgt das wohl wichtigste Kapitel, über den Zeitraum
von 1898 bis zum Ende des 1. Weltkrieges. Damals erfuhren
die USA erstmals, wie ihre durch die kontinentale Insellage
gesicherte und die unerschöpflichen Ressourcen gestärkte
Macht weltpolitisch entscheidend ist. Sie
- traten dem 1. Weltkrieg als Nettoschuldner bei und beendeten
ihn als weltgrößter Gläubiger,
- konnten das Vereinigte Königreich als maritime Macht
ablösen und
- gleichzeitig die imperialen Visionen Europas eigener Gestaltungsmacht
einverleiben.
Junkers Verdienst hier ist es besonders, die entscheidende
Rolle des Seestrategen Alfred Thayer Mahan zu nennen. Der
schuf mit seinen bahnbrechenden Werken über den Einfluss
von Seemacht auf die Geschichte weltweit die Basis für
das maritime Denken des 20. Jahrhunderts, welches hierzulande
auch nach zwei, auf See verlorenen Kriegen Spezialisten zwar
pflegen, Regierungen jedweder Couleur wie auch Bürger
aber ignorieren.
Über die wirtschaftlichen Zerreißproben in den
USA der Depression, den Isolationismus großer Teile
des Volkes und die Zurückhaltung der Regierungen auf
der weltpolitischen Ebene, besonders im Atlantik und im Pazifik,
schreibt Junker kenntnisreich und sehr dicht. Vereinzelt führt
das zu recht langen Sätzen, die lesefreundlich hätten
mit Spiegelstrichen gegliedert werden können.
Mit diesen 3 Kapiteln ist die Ausgangslage für die neuere
Geschichte der USA gelegt, welche von Isolation über
Kriegsteilnahme zu dem Wirtschafts- und Bewusstseinsaufschwung
führt, dessen materielle Form seit den 90-er Jahren die
Welt zu gestalten sucht.
Die
kurze Schilderung der Zwischenkriegszeit von 1933 bis Pearl
Harbor wird sinnig mit der „globalen Vorwärtsverteidigung“
beschlossen, die heute oft erst mit dem Amtsantritt von Bush
Junior verbunden wird.
Nun folgt das Zeitalter von Aufbau und Erhalt der globalen
Bipolarität, dessen Ausgangspunkt der gewonnene Weltkrieg
und dessen Kontrapunkt die erstarkende UdSSR waren. Hervorragend
kondensiert der Autor hier das Vierteljahrhundert ab 1942
in 33 faktenreichen Seiten, die gut als Einführungskurs
in das Studium der Nachkriegswelt genutzt werden können.
Besser, als in Kissingers apologetischen Memoiren, wird hier
gezeigt, wie materielle Expansion erfolgreich ist bis zu dem
Punkt, wo andere Spieler nach anderen Regeln spielen. Vietnam
ist konsequent der Wendepunkt zur behutsamen Entspannung,
die während Carters Amtszeit und wohl auch durch sein
glückloses (man erinnert sich an die fehlenden Luftfilter
in den Hubschraubern!), von Selbstzweifeln nicht freies Agieren
die Vorlage für Reagans Wahlsieg lieferte.
Unter der Überschrift „Die überdehnte Supermacht“
wird der Versuch Kissingers, zu einer Realpolitik der Mächtebalance
zurückzukehren, vor dem Scheitern des asiatischen Engagements
als zwingende Hinleitung zur nahezu erlöserartigen Figur
des früheren Gouverneurs von Kalifornien beschrieben.
Aber auch die schon unter Carter herrschende Einstufung des
Persischen Golfes als vitales Interessengebiet findet Erwähnung,
wie auch die spätere militärische Zusammenarbeit
zwischen den USA und dem Irak gegen das theokratische Regime
im Iran. Beides taucht in heutigen allgemeinen Medien nur
anekdotisch, fast nie aber analytisch, auf.
Bezeichnend für die strategische Position der USA arbeitet
Junker die unterschiedlichen Positionen heraus, die von den
USA einerseits und Frankreich/Vereinigtes Königreich
andererseits zur Deutschen Frage eingenommen wurden.
Im
vorletzten Kapitel, das die Neunziger Jahre abdeckt, schließlich
finden sich die Beweise für die zugrundeliegende Sichtweise
jenseits des großen Teiches: Fehlt der Angstgegner,
wird man orientierungslos. Das Ende der UdSSR hinterließ
eine Supermacht USA, deren Interessen vorrangig innenpolitisch
lagen. Außenpolitische Fragestellungen wurden dort,
so der Autor aus eigener Erfahrung, „nur fallweise,
widersprüchlich und ohne Konstanz behandelt“ (S.
132). Man kann streiten, ob die vorwiegend selbstbespiegelnde
EU in diesen Jahren mehr Einfluss hätte gewinnen können;
die Chance jedoch bestand - angesichts der Orientierungslosigkeit
der USA - zweifelsohne.
Den
chronologischen Schlusspunkt setzt Junker mit der Begutachtung
der öffentlichen Schwerpunktbildung, die von der US-Regierung
nach dem Fall der Doppeltürme vorgenommen wurde. Zutreffend
findet er, dass nun wieder ein neuer „Nordpol“
für den amerikanischen Globalismus bestehe: der internationale
Terrorismus. Jüngste Meldungen im britischen "Observer"
vom April dieses Jahres über Absprachen bereits im Sommer
2002 zwischen Präsident Bush und Premierminister Blair
zum Angriff auf den Irak, wenn sie zutreffen, passen nahtlos
gut in das von Junker gezeichnete realpolitische Bild. Erstaunlich
ist, dass der Autor (S. 167) nicht zaudert, die logische Folgerung
aus seiner Arbeit zu ziehen: dass die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen
„nur vorgeschoben war und der Angriff [auf den Irak]
als Teil eines strategischen Gesamtplanes zur Neuordnung im
Nahen Osten gedeutet werden muss.“ Selten wagen sich
Wissenschaftler auf das Feld der öffentlich falsifizierbaren
Postulate; Junkers Prognose allerdings wird durch jede neue
Meldung bestätigt. In einem Fall jedoch muss einer Aussage
(S. 162) in der Sache widersprochen werden: „Der uneinholbare
militärische Vorsprung ...“ der USA greift nur
dann, wenn die Gegenseite nicht nach anderen Regeln agiert;
dies zeigen u.a. das Zurückweichen der Besatzungstruppen
aus der Stadt Falludja in den letzten Tagen und die höheren
Verlustzahlen im bereits "besiegten" Land.
Zusammenfassung
Das Buch macht nachvollziehbar, dass der USA aktuelles Verhalten
im Kreis der Nationen keine Aberration unter dem Präsidenten
Bush II, sondern vielmehr eine Variation einer Linie ist,
die bis zum Anfang der Landnahme durch die ersten Siedler
reicht. Die Risiken des kraftvollen Unilateralismus werden
daraus ableitbar, ja zwangsläufig. In einem Satz des
Autors: „Je totaler [!] die Sicherheit für die
USA, desto totaler die Unsicherheit für den Rest der
Welt“ (S. 161). Hervorragendes Sachbuch.
Zum
Autor
Der Autor ist im Thema gut ausgewiesen: Stiftungsprofessor
für Amerikanische Geschichte in Heidelberg, früherer
Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Washington,
D.C. und Gründungsdirektor des Heidelberg Center for
American Studies (die Fassung des Klappentextes "Heidelberger
Centrum für Amerikastudien" wird vom HCA selbst
nicht benutzt).
Zum
Buch
Der Satz erfolgte in der reformierten Schreibung. Mit englischen
Texten hat es der Verlag augenscheinlich nicht besonders.
Wie auch in „Nach
dem Krieg. Vor dem Frieden“ werden sie gerne falsch
geschrieben: "govemment" (S. 54). Aber auch im deutschen
Text tauchen – wenige – Satzfehler auf, wie „Verzieht“
anstatt „Verzicht“ (S. 60) oder „Amtzeiten“
anstatt „Amtszeiten“ (S. 127). Überlange
Sätze, zum Beispiel 15 Zeilen auf S. 57 und 20 Zeilen
auf S. 106, erfordern eine Lektüre mit strukturierendem
Bleistift oder Marker.
Das Sachregister ist zu undifferenziert: 27 Verweise für
das Stichwort „Japan“ machen das Auffinden einer
passenden Stelle zum Glücksspiel (S. 189). Auch zeigt
sich an typographischen Nachlässigkeiten wie fehlender/uneinheitlicher
Einzug (S. 186, S. 191) eine verbesserungsfähige
Lektoratsleistung. Vielleicht wurde aber auch nur schlecht
eingescannt?
Gute Angaben werden zur weiterführenden Literatur gemacht.
Format, Bindung und Papier sind in Ordnung, die 9°-Serifenschrift
ist angenehm lesbar. Der Umschlagsgestaltung (Agentur R •
M • E) kann allerdings wenig Originelles abgewonnen
werden; mehr als ein allgemeiner Bezug zum Thema durch Farbe,
Sterne und Streifen ist nicht erkennbar.
(©
2004 Michael Titz für all-around-new-books.de)
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