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Wirtschaft, Politik & Zeitgeschichte

Power and Mission
Was Amerika antreibt

Autor: Detlef Junker

gebunden mit Schutzumschlag, 192 Seiten
erschienen: August 2003
Herder
ISBN: 3451282518
Preis: 19,90 Euro

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Inhalt:
Diese Nation hat keine Ideologie, sie ist eine, sagt der Amerikakenner Detlef Junker. Macht und Mission - das ist der Stoff, der Amerika zusammenhält. Junker zeigt: Missionarisches Sendungsbewusstsein, strategische Macht und wirtschaftliche Interessen gehörten für Amerika immer zusammen. Bush versteht sich als Gotteskrieger im Namen der Freiheit und steht damit in einer langen Tradition. Schon die ersten Siedler waren der Überzeugung, mit Gott einen neuen Bund eingegangen zu sein: Diese Zivilreligion ist zentral für die amerikanische Mentalität. Und genau dies bricht in der aktuellen Krise neu auf - mit gewaltigen Konsequenzen für die Welt. Ein brillant geschriebenes Buch über die innere Motivation und das außenpolitische Kalkül der Supermacht USA.

(© 2003 Herder Verlag)


Buchbesprechung-Rezension:
Dies ist ein zeitgemäßes Sachbuch über die weltanschauliche Basis der heutigen US-amerikanischen Außenpolitik. Junker entwickelt in 8 chronologischen Kapiteln die maßgeblichen Einflüsse seit der Unabhängigkeit, unter denen die USA ihre Außenpolitik formulierten und ausführten. Anders, als es in der teilweise sehr aufgeregten öffentlichen Diskussion üblich ist, zeigt Junker ruhig und klar auf, wie sehr auch unpolitisches, ja religiöses, Sendungsbewusstsein dazu beiträgt, dass die USA sich heute als Werkzeug der Vorsehung betrachten. Seiner Argumentation kann gut folgen, wer die Kapitel aufmerksam liest und auch einmal eine der angeführten Quellen heranzieht.

Zum Inhalt
Zunächst wird für das erste Jahrhundert der Nation der Drang nach Westen, das Erobern des Raumes in Abwesenheit etablierter Konkurrenz (sprich: Europäischer Nationalstaaten mit ihren Grenzen) geschildert. Griffige Beispiele für die Nutzung geschwächter Staaten als leichte Beute bei Vertragsschluss zeigen klar, wie realpolitisch schon im 18. Jahrhundert in Washington gehandelt wurde.
Dann folgt das wohl wichtigste Kapitel, über den Zeitraum von 1898 bis zum Ende des 1. Weltkrieges. Damals erfuhren die USA erstmals, wie ihre durch die kontinentale Insellage gesicherte und die unerschöpflichen Ressourcen gestärkte Macht weltpolitisch entscheidend ist. Sie
- traten dem 1. Weltkrieg als Nettoschuldner bei und beendeten ihn als weltgrößter Gläubiger,
- konnten das Vereinigte Königreich als maritime Macht ablösen und
- gleichzeitig die imperialen Visionen Europas eigener Gestaltungsmacht einverleiben.

Junkers Verdienst hier ist es besonders, die entscheidende Rolle des Seestrategen Alfred Thayer Mahan zu nennen. Der schuf mit seinen bahnbrechenden Werken über den Einfluss von Seemacht auf die Geschichte weltweit die Basis für das maritime Denken des 20. Jahrhunderts, welches hierzulande auch nach zwei, auf See verlorenen Kriegen Spezialisten zwar pflegen, Regierungen jedweder Couleur wie auch Bürger aber ignorieren.
Über die wirtschaftlichen Zerreißproben in den USA der Depression, den Isolationismus großer Teile des Volkes und die Zurückhaltung der Regierungen auf der weltpolitischen Ebene, besonders im Atlantik und im Pazifik, schreibt Junker kenntnisreich und sehr dicht. Vereinzelt führt das zu recht langen Sätzen, die lesefreundlich hätten mit Spiegelstrichen gegliedert werden können.

Mit diesen 3 Kapiteln ist die Ausgangslage für die neuere Geschichte der USA gelegt, welche von Isolation über Kriegsteilnahme zu dem Wirtschafts- und Bewusstseinsaufschwung führt, dessen materielle Form seit den 90-er Jahren die Welt zu gestalten sucht.

Die kurze Schilderung der Zwischenkriegszeit von 1933 bis Pearl Harbor wird sinnig mit der „globalen Vorwärtsverteidigung“ beschlossen, die heute oft erst mit dem Amtsantritt von Bush Junior verbunden wird.
Nun folgt das Zeitalter von Aufbau und Erhalt der globalen Bipolarität, dessen Ausgangspunkt der gewonnene Weltkrieg und dessen Kontrapunkt die erstarkende UdSSR waren. Hervorragend kondensiert der Autor hier das Vierteljahrhundert ab 1942 in 33 faktenreichen Seiten, die gut als Einführungskurs in das Studium der Nachkriegswelt genutzt werden können. Besser, als in Kissingers apologetischen Memoiren, wird hier gezeigt, wie materielle Expansion erfolgreich ist bis zu dem Punkt, wo andere Spieler nach anderen Regeln spielen. Vietnam ist konsequent der Wendepunkt zur behutsamen Entspannung, die während Carters Amtszeit und wohl auch durch sein glückloses (man erinnert sich an die fehlenden Luftfilter in den Hubschraubern!), von Selbstzweifeln nicht freies Agieren die Vorlage für Reagans Wahlsieg lieferte.

Unter der Überschrift „Die überdehnte Supermacht“ wird der Versuch Kissingers, zu einer Realpolitik der Mächtebalance zurückzukehren, vor dem Scheitern des asiatischen Engagements als zwingende Hinleitung zur nahezu erlöserartigen Figur des früheren Gouverneurs von Kalifornien beschrieben. Aber auch die schon unter Carter herrschende Einstufung des Persischen Golfes als vitales Interessengebiet findet Erwähnung, wie auch die spätere militärische Zusammenarbeit zwischen den USA und dem Irak gegen das theokratische Regime im Iran. Beides taucht in heutigen allgemeinen Medien nur anekdotisch, fast nie aber analytisch, auf.

Bezeichnend für die strategische Position der USA arbeitet Junker die unterschiedlichen Positionen heraus, die von den USA einerseits und Frankreich/Vereinigtes Königreich andererseits zur Deutschen Frage eingenommen wurden.

Im vorletzten Kapitel, das die Neunziger Jahre abdeckt, schließlich finden sich die Beweise für die zugrundeliegende Sichtweise jenseits des großen Teiches: Fehlt der Angstgegner, wird man orientierungslos. Das Ende der UdSSR hinterließ eine Supermacht USA, deren Interessen vorrangig innenpolitisch lagen. Außenpolitische Fragestellungen wurden dort, so der Autor aus eigener Erfahrung, „nur fallweise, widersprüchlich und ohne Konstanz behandelt“ (S. 132). Man kann streiten, ob die vorwiegend selbstbespiegelnde EU in diesen Jahren mehr Einfluss hätte gewinnen können; die Chance jedoch bestand - angesichts der Orientierungslosigkeit der USA - zweifelsohne.

Den chronologischen Schlusspunkt setzt Junker mit der Begutachtung der öffentlichen Schwerpunktbildung, die von der US-Regierung nach dem Fall der Doppeltürme vorgenommen wurde. Zutreffend findet er, dass nun wieder ein neuer „Nordpol“ für den amerikanischen Globalismus bestehe: der internationale Terrorismus. Jüngste Meldungen im britischen "Observer" vom April dieses Jahres über Absprachen bereits im Sommer 2002 zwischen Präsident Bush und Premierminister Blair zum Angriff auf den Irak, wenn sie zutreffen, passen nahtlos gut in das von Junker gezeichnete realpolitische Bild. Erstaunlich ist, dass der Autor (S. 167) nicht zaudert, die logische Folgerung aus seiner Arbeit zu ziehen: dass die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen „nur vorgeschoben war und der Angriff [auf den Irak] als Teil eines strategischen Gesamtplanes zur Neuordnung im Nahen Osten gedeutet werden muss.“ Selten wagen sich Wissenschaftler auf das Feld der öffentlich falsifizierbaren Postulate; Junkers Prognose allerdings wird durch jede neue Meldung bestätigt. In einem Fall jedoch muss einer Aussage (S. 162) in der Sache widersprochen werden: „Der uneinholbare militärische Vorsprung ...“ der USA greift nur dann, wenn die Gegenseite nicht nach anderen Regeln agiert; dies zeigen u.a. das Zurückweichen der Besatzungstruppen aus der Stadt Falludja in den letzten Tagen und die höheren Verlustzahlen im bereits "besiegten" Land.

Zusammenfassung
Das Buch macht nachvollziehbar, dass der USA aktuelles Verhalten im Kreis der Nationen keine Aberration unter dem Präsidenten Bush II, sondern vielmehr eine Variation einer Linie ist, die bis zum Anfang der Landnahme durch die ersten Siedler reicht. Die Risiken des kraftvollen Unilateralismus werden daraus ableitbar, ja zwangsläufig. In einem Satz des Autors: „Je totaler [!] die Sicherheit für die USA, desto totaler die Unsicherheit für den Rest der Welt“ (S. 161). Hervorragendes Sachbuch.

Zum Autor
Der Autor ist im Thema gut ausgewiesen: Stiftungsprofessor für Amerikanische Geschichte in Heidelberg, früherer Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Washington, D.C. und Gründungsdirektor des Heidelberg Center for American Studies (die Fassung des Klappentextes "Heidelberger Centrum für Amerikastudien" wird vom HCA selbst nicht benutzt).

Zum Buch
Der Satz erfolgte in der reformierten Schreibung. Mit englischen Texten hat es der Verlag augenscheinlich nicht besonders. Wie auch in „Nach dem Krieg. Vor dem Frieden“ werden sie gerne falsch geschrieben: "govemment" (S. 54). Aber auch im deutschen Text tauchen – wenige – Satzfehler auf, wie „Verzieht“ anstatt „Verzicht“ (S. 60) oder „Amtzeiten“ anstatt „Amtszeiten“ (S. 127). Überlange Sätze, zum Beispiel 15 Zeilen auf S. 57 und 20 Zeilen auf S. 106, erfordern eine Lektüre mit strukturierendem Bleistift oder Marker.

Das Sachregister ist zu undifferenziert: 27 Verweise für das Stichwort „Japan“ machen das Auffinden einer passenden Stelle zum Glücksspiel (S. 189). Auch zeigt sich an typographischen Nachlässigkeiten wie fehlender/uneinheitlicher Einzug (S. 186, S. 191) eine verbesserungsfähige Lektoratsleistung. Vielleicht wurde aber auch nur schlecht eingescannt?

Gute Angaben werden zur weiterführenden Literatur gemacht.
Format, Bindung und Papier sind in Ordnung, die 9°-Serifenschrift ist angenehm lesbar. Der Umschlagsgestaltung (Agentur R • M • E) kann allerdings wenig Originelles abgewonnen werden; mehr als ein allgemeiner Bezug zum Thema durch Farbe, Sterne und Streifen ist nicht erkennbar.

(© 2004 Michael Titz für all-around-new-books.de)

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