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Wirtschaft, Politik & Zeitgeschichte

Nach dem Krieg. Vor dem Frieden
Wie es weitergehen kann

Autoren: Norbert Blüm, Heiner Geißler, Rupert Neudeck

gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten
erschienen: August 2003
Herder
ISBN: 3-451-28255-0
Preis: 17,90 Euro

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Inhalt:
Frieden ist schwieriger als Krieg. Man kann einen Krieg gewinnen und den Frieden verspielen. Nach der Schlacht um den Irak brechen die zentralen Fragen nach Perspektiven für die Zukunft verschärft auf: Sind Menschenrechte und demokratische Entwicklungen mit Gewalt erzwingbar? Wie sehen künftige Friedensstrategien in einer Welt aus, in der der Führungsanspruch der USA immer offenkundiger wird? Wie kann eine gerechte und solidarische Wirtschaftsordnung gestaltet werden? Drei in der Öffentlichkeit stehende Autoren zeigen auf, wie die „alteuropäische" Alternative zur pax americana aussehen kann, damit sich globale Verwerfungen nicht wiederholen.

(© 2003 Herder Verlag)


Fazit:
Dieses Sachbuch widmet sich den längerfristigen Konsequenzen des derzeitigen Irakkrieges. Dazu stellte der Verlag Beiträge unterschiedlicher Art und Qualität von drei Autoren zusammen.
Bei den Autoren handelt es sich um bekannte Namen der politischen Szene Deutschlands.

Rupert Neudeck: Sein Teil des Buches ist hundertprozentig passend mit „Helfen tut Not. Helfen macht Sinn / Erfahrungen und Einsichten vor Ort“ betitelt.Die heutige Politikerverdrossenheit wird durch einen Bericht Neudeckers gestützt, in dem er schildert, wie beispielsweise der Einsatz demilitarisierter Militärausrüstung zu humanitären Zwecken durch die Politiker erschwert wird. Viele konkrete persönliche Erfahrungen in der muslimisch-nahöstlichen Krisenregion schaffen ein glaubhaftes Bild, und seine Ausführungen zu offiziösen Reaktionen derzeit führender Politiker dürften besonders dem „alternativen“ Teil der MdB die Ohren klingen lassen (S. 47). Seine Erfahrungen mit Projekten vor Ort zeigen, wie Einzelne und Gruppen abseits jeder Weltanschauungsrhetorik helfen können, das Verhältnis zwischen christlichen und muslimischen Staaten zu verbessern. Sie zeigen aber auch, dass Darstellungssucht und Ferndiagnose abgeschirmter Polittouristen der falsche Weg sind, um auch nur eine Analyse der Probleme im Krisenhalbmond zu beginnen; von einer Problemlösungskompetenz ganz zu schweigen.
Neudecks Einschätzung des Bundestages als „lähmender und lahmender Verein“ erinnert zwar unangenehm an die „Quasselbude“ Weimarer Extremisten, trifft aber leider zu.
Die 17 Kapitel auf 57 Seiten (einschließlich der Wiedergabe eines Briefes an den damaligen Außenminister Genscher, sich für die weltweite Ächtung von Landminen einzusetzen) bieten ausreichend Material, um eine dezidierte Meinung zum derzeitigen „Religionskrieg“ zu bilden. Nur am Rande soll hier bemerkt werden, dass nicht nur Landminen Menschen töten, sondern auch Seeminen. Gegen diese gibt es aber keinen Aufschrei, schließlich sind ja nur Seeleute betroffen.
Neudeck steht da als Gegenstück unserer Politiker, nämlich mit der Leistung, seinen ethischen Überzeugungen treu geblieben zu sein und manche Wirkung erreicht zu haben.

Norbert Blüm: Weniger eigene Erfahrungen als Erlesenes machen diesen Beitrag von 29 Kapiteln auf 45 Seiten aus, es finden sich zuhauf Einsichten wie diese: „Die christliche Soziallehre ist der aristotelischen Position der Mitte verpflichtet.“ (S.78) und „Der Erdball ist das Gelände, auf dem eine (sic) Menschheit zu Hause ist.“ „Die Rente ist sicher“-Blüm erinnert hier an den Musterschüler, dessen artige politische Korrektheiten dem Leser gefällig sein sollen. Zum Irakkonflikt ist dies wohl ebenso wichtig wie seine oben paraphrasierte Standardbehauptung zutreffend war. Betitelt ist der Beitrag übrigens mit „Ideen sind eine Macht. Macht ohne Moral ist tödlich / Woran sich Politik orientieren sollte“; es mag dem geneigten Leser eine intellektuelle Herausforderung bedeuten, die Theorie in den 16 Bundesministerjahren des Autors wiederzufinden.

Heiner Geißler überschreibt seine 30 Kapitel auf 45 Seiten „Nach dem Krieg – vor dem Krieg? Was auf Dauer Gerechtigkeit und Frieden garantiert“ und liefert dann fundiert und logisch aufbauend eine Argumentation für die Lösung des Palästina-Konflikts und eine internationale soziale Marktordnung als Vorbedingung für einen befriedeten Nahen Osten. Geißler baut auf dem Abriss der irakischen Geschichte seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine Darstellung der widerstrebenden politischen Kräfte im Iran auf. Über das Beispiel Afghanistan findet er den Weg zu einer ethisch und geistlich begründeten Diskussion über die Rechtfertigung des Irakkrieges. Diesen stellt er in mehreren Facetten dar, die von Frauenrechten über Missdeutung islamischer Religion bis zur fehlenden Rechtsordnung reichen. Er kommt zu seiner Kernaussage: Fanatiker auf beiden Seiten bieten keine Gewähr für friedliche Lösungen. Man erinnert dabei den kabarettistischen Vorschlag vor dem Afghanistankrieg, den dortigen fanatischen Glaubenskämpfern bayerische Gebirgsschützen gegenüberzustellen.
Geißler beschließt seine Ausführungen mit Hinweisen auf politische Fehlleistungen des Westens, einen aus seiner Sicht überbordenden Kapitalismus mit seiner falschverstandenen Auslesekultur. Nicht die stärksten (Spezies) überlebten, sondern die anpassungsfähigsten. Ein vielleicht nicht ganz passendes Schlussbeispiel zeigt dann des Autors Händchen für Bilder: Ohne Billionentransfers wäre die deutsche Einheit zerbrochen, und so muss man auch die nahöstliche Aufbauleistung angehen.
Dieser Teil des Buches zeichnet sich durch ein fundiertes Verständnis für die Realpolitik bei gleichzeitiger Wahrung ethischer Grundsätze aus. Der Kontrast zu heutigen Geschäftsträgern seiner Partei, die den Irakkrieg völkerrechtlich anders sahen, ist deutlich. Die Warnung vor neuen Völkerwanderungen am Schluss sollte ernstgenommen werden.

Verlagstechnisch sollten einige Punkte erwähnt werden. So findet der gezielt suchende Leser kein Stichwortverzeichnis, und Quellenangaben fehlen durchgängig. Unterschiedliche Interpunktion auf Titelseite und Schutzumschlag stören zwar nicht, sind aber unprofessionell. Wie auch in anderen Veröffentlichungen dieses Verlages (z. B. Junker: Power and Mission) sind englische Texte fehlerhaft; so wenn „persuit of happiness“ anstelle von „pursuit of Happiness“ zitiert wird (S. 82). Nur gelegentlich tauchen Trennfehler wie „ura-nangereicherter“ (S. 42) auf; die reformierte Rechtschreibung wird einigermaßen erträglich angewandt.

Zusammenfassend gilt: Inhaltlich helfen zwei der Beiträge zu erkennen, warum der derzeitige Irakkrieg im realpolitischen und menschlichen Sinn falsch ist. Einen kann man getrost überblättern.

(© 2004 Michael Titz für all-around-new-books.de)

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