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Inhalt:
Frieden ist schwieriger
als Krieg. Man kann einen Krieg gewinnen und den Frieden verspielen.
Nach der Schlacht um den Irak brechen die zentralen Fragen
nach Perspektiven für die Zukunft verschärft auf:
Sind Menschenrechte und demokratische Entwicklungen mit Gewalt
erzwingbar? Wie sehen künftige Friedensstrategien in
einer Welt aus, in der der Führungsanspruch der USA immer
offenkundiger wird? Wie kann eine gerechte und solidarische
Wirtschaftsordnung gestaltet werden? Drei in der Öffentlichkeit
stehende Autoren zeigen auf, wie die „alteuropäische"
Alternative zur pax americana aussehen kann, damit sich globale
Verwerfungen nicht wiederholen.
(©
2003 Herder Verlag)
Fazit:
Dieses Sachbuch widmet sich den längerfristigen Konsequenzen
des derzeitigen Irakkrieges. Dazu stellte der Verlag Beiträge
unterschiedlicher Art und Qualität von drei Autoren zusammen.
Bei den Autoren handelt es sich um bekannte Namen der politischen
Szene Deutschlands.
Rupert
Neudeck: Sein Teil des Buches ist hundertprozentig passend
mit „Helfen tut Not. Helfen macht Sinn / Erfahrungen
und Einsichten vor Ort“ betitelt.Die
heutige Politikerverdrossenheit wird durch einen Bericht Neudeckers
gestützt, in dem er schildert, wie beispielsweise der
Einsatz demilitarisierter Militärausrüstung zu humanitären
Zwecken durch die Politiker erschwert wird. Viele
konkrete persönliche Erfahrungen in der muslimisch-nahöstlichen
Krisenregion schaffen ein glaubhaftes Bild, und seine Ausführungen
zu offiziösen Reaktionen derzeit führender Politiker
dürften besonders dem „alternativen“ Teil
der MdB die Ohren klingen lassen (S. 47). Seine Erfahrungen
mit Projekten vor Ort zeigen, wie Einzelne und Gruppen abseits
jeder Weltanschauungsrhetorik helfen können, das Verhältnis
zwischen christlichen und muslimischen Staaten zu verbessern.
Sie zeigen aber auch, dass Darstellungssucht und Ferndiagnose
abgeschirmter Polittouristen der falsche Weg sind, um auch
nur eine Analyse der Probleme im Krisenhalbmond zu beginnen;
von einer Problemlösungskompetenz ganz zu schweigen.
Neudecks Einschätzung des Bundestages als „lähmender
und lahmender Verein“ erinnert zwar unangenehm an die
„Quasselbude“ Weimarer Extremisten, trifft aber
leider zu.
Die 17 Kapitel auf 57 Seiten (einschließlich der Wiedergabe
eines Briefes an den damaligen Außenminister Genscher,
sich für die weltweite Ächtung von Landminen einzusetzen)
bieten ausreichend Material, um eine dezidierte Meinung zum
derzeitigen „Religionskrieg“ zu bilden. Nur am
Rande soll hier bemerkt werden, dass nicht nur Landminen Menschen
töten, sondern auch Seeminen. Gegen diese gibt es aber
keinen Aufschrei, schließlich sind ja nur Seeleute betroffen.
Neudeck steht da als Gegenstück unserer Politiker, nämlich
mit der Leistung, seinen ethischen Überzeugungen treu
geblieben zu sein und manche Wirkung erreicht zu haben.
Norbert
Blüm: Weniger eigene Erfahrungen als Erlesenes machen
diesen Beitrag von 29 Kapiteln auf 45 Seiten aus, es finden
sich zuhauf Einsichten wie diese: „Die christliche Soziallehre
ist der aristotelischen Position der Mitte verpflichtet.“
(S.78) und „Der Erdball ist das Gelände, auf dem
eine (sic) Menschheit zu Hause ist.“ „Die Rente
ist sicher“-Blüm erinnert hier an den Musterschüler,
dessen artige politische Korrektheiten dem Leser gefällig
sein sollen. Zum Irakkonflikt ist dies wohl ebenso wichtig
wie seine oben paraphrasierte Standardbehauptung zutreffend
war. Betitelt ist der Beitrag übrigens mit „Ideen
sind eine Macht. Macht ohne Moral ist tödlich / Woran
sich Politik orientieren sollte“; es mag dem geneigten
Leser eine intellektuelle Herausforderung bedeuten, die Theorie
in den 16 Bundesministerjahren des Autors wiederzufinden.
Heiner
Geißler überschreibt seine 30 Kapitel auf 45 Seiten
„Nach dem Krieg – vor dem Krieg? Was auf Dauer
Gerechtigkeit und Frieden garantiert“ und liefert dann
fundiert und logisch aufbauend eine Argumentation für
die Lösung des Palästina-Konflikts und eine internationale
soziale Marktordnung als Vorbedingung für einen befriedeten
Nahen Osten. Geißler baut auf dem Abriss der irakischen
Geschichte seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine Darstellung
der widerstrebenden politischen Kräfte im Iran auf. Über
das Beispiel Afghanistan findet er den Weg zu einer ethisch
und geistlich begründeten Diskussion über die Rechtfertigung
des Irakkrieges. Diesen stellt er in mehreren Facetten dar,
die von Frauenrechten über Missdeutung islamischer Religion
bis zur fehlenden Rechtsordnung reichen. Er kommt zu seiner
Kernaussage: Fanatiker auf beiden Seiten bieten keine Gewähr
für friedliche Lösungen. Man erinnert dabei den
kabarettistischen Vorschlag vor dem Afghanistankrieg, den
dortigen fanatischen Glaubenskämpfern bayerische Gebirgsschützen
gegenüberzustellen.
Geißler beschließt seine Ausführungen mit
Hinweisen auf politische Fehlleistungen des Westens, einen
aus seiner Sicht überbordenden Kapitalismus mit seiner
falschverstandenen Auslesekultur. Nicht die stärksten
(Spezies) überlebten, sondern die anpassungsfähigsten.
Ein vielleicht nicht ganz passendes Schlussbeispiel zeigt
dann des Autors Händchen für Bilder: Ohne Billionentransfers
wäre die deutsche Einheit zerbrochen, und so muss man
auch die nahöstliche Aufbauleistung angehen.
Dieser Teil des Buches zeichnet sich durch ein fundiertes
Verständnis für die Realpolitik bei gleichzeitiger
Wahrung ethischer Grundsätze aus. Der Kontrast zu heutigen
Geschäftsträgern seiner Partei, die den Irakkrieg
völkerrechtlich anders sahen, ist deutlich. Die Warnung
vor neuen Völkerwanderungen am Schluss sollte ernstgenommen
werden.
Verlagstechnisch
sollten einige Punkte erwähnt werden. So findet der gezielt
suchende Leser kein Stichwortverzeichnis, und Quellenangaben
fehlen durchgängig. Unterschiedliche Interpunktion auf
Titelseite und Schutzumschlag stören zwar nicht, sind
aber unprofessionell. Wie auch in anderen Veröffentlichungen
dieses Verlages (z. B. Junker: Power
and Mission) sind englische Texte fehlerhaft; so wenn
„persuit of happiness“ anstelle von „pursuit
of Happiness“ zitiert wird (S. 82). Nur gelegentlich
tauchen Trennfehler wie „ura-nangereicherter“
(S. 42) auf; die reformierte Rechtschreibung wird einigermaßen
erträglich angewandt.
Zusammenfassend
gilt: Inhaltlich helfen zwei der Beiträge zu erkennen,
warum der derzeitige Irakkrieg im realpolitischen und menschlichen
Sinn falsch ist. Einen kann man getrost überblättern.
(©
2004 Michael Titz für all-around-new-books.de)
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