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Klappentext:
An einem kalten, grauen Novembermorgen wird in der Kadettenschule von San Martino der sechzehnjährige Ernesto Moro erhängt im Waschraum aufgefunden.
Bringt sich ein so junger Mensch grundlos um? Oder vertuscht hier jemand etwas, um seinen guten Ruf zu schützen? Als die Polizei dies klären will, stößt sie auf eine Mauer des Schweigens: Die Ränge haben sich geschlossen. Niemand, weder die Lehrer noch die gedrillten Mitschüler, ja nicht einmal die Familie will Genaueres darüber wissen. Doch Brunetti läßt jener Junge, dessen Vater Fernando Moro berühmt ist für seine politische Unerschrockenheit, nicht los. Selbst Vater, ruht er nicht, bis er die wahren Hintergründe aufgedeckt hat.
Eliten und ihre Loyalitäten: Donna Leon ergründet die verschwiegenen Kanäle zwischen militärischer und politischer Macht.
(©
2004 Diogenes Verlag)
Buchbesprechung - Rezension:
Commissario Brunetti wird zu einem anscheinend simplen
Fall geholt. In einer militärischen Eliteschule
hat ein Schüler sich im Waschraum erhängt.
Selbstmord. Alles deutet darauf hin.
Selbstmord?
Irgendetwas stört Commissario Brunetti an dem glatten
Fall.
Er
ermittelt, schnüffelt herum. Sehr zum Mißfallen
seines Vorgesetzten. Die Unfähigkeit des Vorgesetzten
ist direkt proportional zu dessen Wortgeklingel und
pfauenhafter Selbstdarstellung. Er ist nur an seinem
Image und an den Medien interessiert, die Verbrechen
als solche sind ihm vollständig gleichgültig.
Wichtig für ihn ist nicht, ob ein Verbrechen geklärt
ist, sondern ob es in den Medien als geklärt erscheint.
Entscheidend
ist für diese erbärmliche Vorgesetztengestalt,
was irgendwelche Blättchen oder TV-Stationen melden,
entscheidend ist für diesen Chefdarsteller sein
eigenes Bild in der Öffentlichkeit.
Ich schließe jede Wette ab, dass von Donna Leon
die offensichtlich vorhandenen Ähnlichkeiten dieser
trostlosen und aufgeblasenen öffentlichen Figur
zu Politikern beabsichtigt sind.
Signorina
Elettra, die Sekretärin des Vorgesetzten, hat diesen
schon längst erkannt, als das was er ist. Signorina
Elettra, hochintelligent, bezaubernd reizvoll, elegant
und im Nebenberuf Hackerin, unterstützt Brunetti
insbesondere durch Computerrecherchen. Brunetti selbst
trifft auf eine Mauer des Schweigens: "Omertà."
Donna Leon scheint einen Brass auf Militärisches
zu haben, vergleicht sie hier doch expressis verbis
das Militär mit der Mafia, das ist schon starker
Tobak.
Brunetti
stößt auf, dass der Vater des toten Jungen
ehemals als Politiker die Korruption bekämpfte
und Knall auf Fall sein Mandat niederlegte. Ein Netz
aus Schweigen, Filz und Korruption wuchert um Brunetti.
Frieden findet er bei seiner Frau Paola und seiner Familie.
Die Stärke von Donna Leon liegt im Schaffen von
Atmosphäre und im Charakterisieren. Zum Beispiel
die Beschreibungen von Venedig. Oder wie Brunetti und
seine Frau miteinander umgehen. Brunetti, seine Frau
Paola und Signorina Elettra sind hinreißende literarische
Figuren.
Verschwiegene
Kanäle handelt im Gewand einer Kriminalgeschichte,
eines Mordfalles, von Korruption in Politik und Militär.
Der
Plot ist ... - naja, es gab bessere bei Donna Leon.
Manchmal wünsche ich mir eine heile Welt. Darum
hat mich das Ende überrascht und auch unzufrieden
gelassen. Das Ende überraschte mich, obwohl es
zu befürchten war; sämtliche notwendigen Informationen
liefert Donna Leon schon vorher.
Manch
einer wird sagen, Donna Leon habe eine schwarze Weltsicht.
Sie ist Amerikanerin und lebt seit Jahren in Italien.
Den Amerikanern sagt man Optimismus nach und den Europäern
Realismus. Vielleicht würde Donna Leon sagen, sie
schildere in ihren Büchern ihre realistische Weltsicht.
Dies
ist der zwölfte Brunetti-Roman. Wer neu zu Donna
Leon kommt, sollte nicht mit diesem beginnen: Die Figuren
entwickeln sich im Laufe der Brunetti-Reihe. Das ist
hier zum Beispiel deutlich an Signorina Elettra zu bemerken,
die seit mehreren Folgen dem technischen Laien Brunetti
sämtliche gewünschten Daten aus noch so streng
geschützten Quellen des Internet fischt. Also
sei dem Donna-Leon-Novizen geraten, mit einem früheren
Band zu beginnen, am besten mit dem ersten. Bereiten
Sie sich darauf vor, in jedem der zwölf Bände
dem gleichen Stammpersonal zu begegnen: das sind insbesondere
Commissario Brunetti, seine Frau und deren Kinder. Ja,
hier haben wir es mit einem Ermittler zu tun, der glücklich
verheiratet ist und Kinder hat.
Immer gleiches Stammpersonal finden Sie ja auch bei
den mehr als vierzig oder fünfzig Bänden der
Maigret-Reihe von Georges Simenon, und ich wüsste
nicht, was es an diesem literarischen Kunstgriff zu
tadeln gäbe; Sie finden dieses Prinzip auch bei
den Figuren von Honoré Balzac - angewandt in
dessen Comédie Humaine.
Donna
Leon ist gewissen derzeitigen Bestsellerautoren, wie
etwa Dan Brown, um Klassen und turmhoch überlegen.
Sie spielt in einer anderen Liga. Wenn Sie sich intelligent
unterhalten wollen, sind Sie mit Verschwiegene Kanäle
bestens bedient. Wem etwa gerade erwähnter Bestsellerlistenheroe
gefiele, möge Vorsicht walten lassen, wo er sich
mit dieser Geschmacksverirrung outet. In belesenen Kreisen
wäre man damit nicht salonfähig.
Zu Donna Leon können Sie sich bedenkenlos bekennen.
Donna Leon hat Niveau.
(©
2004 Holger Roehlig für all-around-new-books.de)
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