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Inhalt:
»Lass mich nie allein!« bittet Leander Lewin seine Zwillingsschwester Wanda, die er mehr liebt als dies gut für ihn ist. Doch er weiß, dass er sich auf sie ebenso verlassen kann wie auf seinen großen Bruder Jules und seine kleine Schwester Emma. Ansonsten zählen noch die Mutter Elisabeth und die blinde Großmutter Maud zu der von Frauen beherrschten Lewinsippe, draußen in dem baufälligen Haus am Rande der Stadt. In dem Ort, in dem sie leben, kursieren unendlich viele Gerüchte über diese ungewöhnliche vaterlose Familie, deren Mitglieder samt und sonders auf wunderbare Weise etwas Besonderes sind. Jede Berührung mit der Welt außerhalb des schützenden Hauses verursacht Aufregung, Leid oder Schmerzen, doch Phantasie und Lebenslust der Lewins widerstehen allen äußeren Anfechtungen. Doch auch sie müssen erfahren, dass nur wer loslassen kann, das Verlassen werden erträgt.
Gita Lehr balanciert virtuos auf dem schmalen Grat zwischen Realität und entrückter Poesie, sie erzählt das Ungeheuerlichste als Selbstverständlichkeit und jongliert mühelos mit allen Tonlagen und Stilhöhen. Gita Lehr macht einmal mehr deutlich, worum es bei wirklich gelungenem Erzählen immer geht: Um alles und um jeden von uns.
Zur Autorin:
Gita Lehr, geboren1968, studierte Sozialpädagogik und lebte dann mehrere Jahre in Spanien. Heute wohnt sie mit ihren beiden Töchtern in Würzburg.
Die Lewins, an dem sie mehrere Jahre schrieb, ist ihr erster Roman.
(©
2004 Eichborn Verlag)
Buchbesprechung - Rezension:
Die Lewins sind allesamt ein wenig durchgeknallt. Großmutter
Maud kann sehen, obwohl sie blind ist, Mutter Elisabeth
lebt in unnahbaren musikalischen Sphären, und die
Kinder haben auch so ihre kleinen Eigenheiten: die Zwillinge
Wanda und Leander lieben einander allzu innig, ihr Bruder
Jules schlägt einem Mörder im Affekt den Schädel
ein und verfällt daraufhin ein paar Jahre in Schweigen,
und Emma, die jüngste, hört irgendwann einfach
auf, weiterzuwachsen. Einen Vater hat diese merkwürdige
Sippe, die in einem halb verfallenen Haus am Rande der
Stadt wohnt, nicht aufzuweisen. All das ist natürlich
ein gefundenes Fressen für den kleinstädtischen
Klatsch und Tratsch, und dass die Kinder beim Heranwachsen
eine Menge einzustecken haben, ist nicht verwunderlich.
Wie
lässig sie allerdings die erschütterndsten
Dinge bewältigen, ohne daran Schaden zu nehmen,
erstaunt schon eher.
Leander ist es, der erzählt. Er erzählt von
der verzehrenden Liebe zu seiner Zwillingsschwester,
er erzählt, wie er zum Krüppel wird, er erzählt,
wie er sich in seinen Mitschüler Ralph verliebt.
Lea, so wird er von allen genannt, geht mit seiner Beinprothese
genauso selbstverständlich um, wie mit den ganzen
seltsamen Menschen um ihn herum, und nicht weniger gelassen
mit dem Sex mit seiner Schwester oder seinem Freund.
Mit seiner Stimme schildert Gita Lehr in ihrem Erstlingswerk
die unmöglichsten Dinge so nachvollziehbar, dass
sie völlig selbstverständlich und ganz "normal"
scheinen. Das einzig Normale an diesem Buch ist allerdings,
dass es sehr, sehr schnell geht, bis man es nicht mehr
weglegen mag.
(©
2004 Annette Rieck für all-around-new-books.de)
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