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Inhalt:
Zwei Kurzromane von Alan Bennett, einer der witzigsten
europäischen Gegenwartsschriftsteller: Zweimal
schlägt der Tod zu, und schon fallen die unterschiedlichsten
Menschen übereinander her und miteinander ins Bett.
Mr. Midgley hat seinen übermächtigen Vater
oft vergeblich zum Teufel gewünscht. Nun ist es
soweit. Während der Vater auf der Intensivstation
hinüberdämmert, zieht sich der Sohn dessen
viel zu große Hosen an und macht mit der Krankenschwester
seiner Ehe den Garaus. Die Frage ist, ob sich irgend
etwas geändert hat für ihn.
Pater Jolliffe hingegen muss einen Gedenkgottesdienst
für den Bettgefährten der "beatiful people"
von London zelebrieren. Einen Mann, den er selbst ganz
genau kennengelernt hat. Die traurige Zeremonie verwandelt
sich jedoch unversehens in einen überaus sinnenfrohen
Dankgottesdienst, denn es kommt heraus, woran dieser
Mann nicht gestorben ist. Alan Bennetts Kurzromane,
seit Mitte der neunziger Jahre in England erschienen,
genießen den gleichen Kultstatus wie seine Theaterstücke,
die von der BBC für ein Millionenpublikum unter
dem Titel "Talking Heads" gesendeten Monologe.
Keiner hat das moralische Klima im heutigen England
besser eingefangen und mit solch gnadenloser Komik zerlegt.
Ein großer Moralist und einer der witzigsten europäischen
Gegenwartsschriftsteller ist zu entdecken.
Zum
Autor:
Alan Bennett, 1934 in Leeds geboren, wurde
bekannt durch seine TV Comedy-Revue "Beyond the
Fringe" sowie durch die 1987 unter dem Titel "Talking
Heads" von der BBC gesendeten Monologe. Neben zahlreichen
Theaterstücken unter anderem eine Theaterfassung
des englischen Kinderbuchklassikers "Der Wind in
den Weiden" und seinen Arbeiten für
Fernsehen und Rundfunk schreibt Bennett seit Mitte der
neunziger Jahre auch Prosa.
(©
2002 Wagenbach Verlag)
Buchbesprechung - Rezension:
Zwei Geschichten, Erzählungen, Kurzromane (die
Gattungsbezeichnung fällt schwer), "Hand
auflegen" und "Vater, Vater lichterloh"
von Alan Bennett enthält das wie immer schöne
Wagenbach-Buch.
Da sitzen sie nun alle in der Kirche - ohne genau zu
wissen, zu welcher Konfession sie überhaupt gehört
-, die etwa 100 Stars, nein: eher Sternchen, aus Showbiz,
Kultur, Geschäftswelt oder einfach Nachbarschaft
wie in einem lebendigen Panoptikum, um des jung gestorbenen
Clive Dunlop zu gedenken. Die Stimmung ist gedrückt.
Alle kannten sie ihn, ja hatten irgendwie eine Beziehung
zu dem äußerst begabten, unkonventionellen
und quirligen Masseur. Und genau das ist ihr Problem,
das den meisten von ihnen seit ein paar Tagen die Lebenslust
genommen, ja sie in tiefe Depressionen gestürzt
hat. Es ist nicht der Tod Clives, sondern die Ursache
seines Todes.
Und
dann passiert etwas während des Gottesdienstes,
mit dem niemand rechnen konnte. Unbeabsichtigt entgleitet
Pater Jolliffe, der nie eine Predigt vorbereitet, sondern
sich "beflügeln" lässt, die Feier
zu einer riesigen Show. Am Ende verlassen die Trauernden
die Kirche derart begierig und erregt, wie nach einer
Hormonbehandlung mit doppelter Dosis ...
Auch
in der zweiten Geschichte, "Vater, Vater lichterloh",
ist der Tod präsent. Aber im Gegensatz zu der ersten,
in der der Vorgang des Sterbens bereits abgeschlossen
ist, steht er hier Midgleys Vater noch bevor. Nach einem
Schlaganfall ist er nicht mehr ansprechbar. Midgley
entscheidet sich, bis zum nahen Tod des Vaters bei ihm
im Krankenhaus zu bleiben. Abwechselnd tanzen nun alle
Familienmitglieder mal am Bett des Sterbenden an, um
ihrer Pflicht Genüge zu tun. Auch Midgley verhält
sich seltsam egoistisch und stur, als ob er sich an
seinem Vater irgendwie rächen wollte, aber nach
dessen Tod scheint auch seine Ehe in die Brüche
gegangen zu sein ...
Genauer sollte man den Inhalt nicht beschreiben, da sonst die Pointen verraten würden. Bennett schildert skurrile Situationen, die sich jedoch genau so ereignet haben könnten. Oder anders formuliert: Es handelt sich um Alltagssituationen, die, sollten sie sich tatsächlich ereignet haben, nur als skurril zu bezeichnen sind. Er kritisiert Verhaltensweisen von Menschen, von uns, ohne selbst dabei überheblich oder arrogant und besserwisserisch zu erscheinen. Es geht um verlogene Sex-Moral, um Heuchelei in der Ehe, um Rivalitäten in der Familie, um emotionsloses, beinahe menschenverachtendes Pflegepersonal in dem schlechten englischen Gesundheitssystem. Die Protagonisten führen sich alle selbst vor und entlarven sich. Allerdings werden sie an keiner Stelle vom Autor denunziert. Über den Texten liegt ein zarter, unsichtbarer Schleier von Humor. Man schmunzelt, begreift etwas, ist nie empört über eine Figur. Die Komik entsteht durch die realistische Beschreibung in Bennetts spezifischer Sprache: schnörkellos, kurz und sachlich. Im besten Sinne britisch.
(©
2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
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