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Roman/Erzählung

Vater, Vater lichterloh

Autor: Alan Bennett
Aus dem Englischen von Ingo Herzke

Roman
gebunden, 124 Seiten
erschienen: März 2002
Wagenbach
ISBN: 3803131685
Preis: 15,50 Euro

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Inhalt:
Zwei Kurzromane von Alan Bennett, einer der witzigsten europäischen Gegenwartsschriftsteller: Zweimal schlägt der Tod zu, und schon fallen die unterschiedlichsten Menschen übereinander her und miteinander ins Bett.

Mr. Midgley hat seinen übermächtigen Vater oft vergeblich zum Teufel gewünscht. Nun ist es soweit. Während der Vater auf der Intensivstation hinüberdämmert, zieht sich der Sohn dessen viel zu große Hosen an und macht mit der Krankenschwester seiner Ehe den Garaus. Die Frage ist, ob sich irgend etwas geändert hat für ihn.
Pater Jolliffe hingegen muss einen Gedenkgottesdienst für den Bettgefährten der "beatiful people" von London zelebrieren. Einen Mann, den er selbst ganz genau kennengelernt hat. Die traurige Zeremonie verwandelt sich jedoch unversehens in einen überaus sinnenfrohen Dankgottesdienst, denn es kommt heraus, woran dieser Mann nicht gestorben ist. Alan Bennetts Kurzromane, seit Mitte der neunziger Jahre in England erschienen, genießen den gleichen Kultstatus wie seine Theaterstücke, die von der BBC für ein Millionenpublikum unter dem Titel "Talking Heads" gesendeten Monologe. Keiner hat das moralische Klima im heutigen England besser eingefangen und mit solch gnadenloser Komik zerlegt.
Ein großer Moralist und einer der witzigsten europäischen Gegenwartsschriftsteller ist zu entdecken.


Zum Autor:
Alan Bennett, 1934 in Leeds geboren, wurde bekannt durch seine TV Comedy-Revue "Beyond the Fringe" sowie durch die 1987 unter dem Titel "Talking Heads" von der BBC gesendeten Monologe. Neben zahlreichen Theaterstücken – unter anderem eine Theaterfassung des englischen Kinderbuchklassikers "Der Wind in den Weiden" – und seinen Arbeiten für Fernsehen und Rundfunk schreibt Bennett seit Mitte der neunziger Jahre auch Prosa.

(© 2002 Wagenbach Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:

Zwei Geschichten, Erzählungen, Kurzromane (die Gattungsbezeichnung fällt schwer), "Hand auflegen" und "Vater, Vater lichterloh" von Alan Bennett enthält das wie immer schöne Wagenbach-Buch.

Da sitzen sie nun alle in der Kirche - ohne genau zu wissen, zu welcher Konfession sie überhaupt gehört -, die etwa 100 Stars, nein: eher Sternchen, aus Showbiz, Kultur, Geschäftswelt oder einfach Nachbarschaft wie in einem lebendigen Panoptikum, um des jung gestorbenen Clive Dunlop zu gedenken. Die Stimmung ist gedrückt. Alle kannten sie ihn, ja hatten irgendwie eine Beziehung zu dem äußerst begabten, unkonventionellen und quirligen Masseur. Und genau das ist ihr Problem, das den meisten von ihnen seit ein paar Tagen die Lebenslust genommen, ja sie in tiefe Depressionen gestürzt hat. Es ist nicht der Tod Clives, sondern die Ursache seines Todes.
Und dann passiert etwas während des Gottesdienstes, mit dem niemand rechnen konnte. Unbeabsichtigt entgleitet Pater Jolliffe, der nie eine Predigt vorbereitet, sondern sich "beflügeln" lässt, die Feier zu einer riesigen Show. Am Ende verlassen die Trauernden die Kirche derart begierig und erregt, wie nach einer Hormonbehandlung mit doppelter Dosis ...

Auch in der zweiten Geschichte, "Vater, Vater lichterloh", ist der Tod präsent. Aber im Gegensatz zu der ersten, in der der Vorgang des Sterbens bereits abgeschlossen ist, steht er hier Midgleys Vater noch bevor. Nach einem Schlaganfall ist er nicht mehr ansprechbar. Midgley entscheidet sich, bis zum nahen Tod des Vaters bei ihm im Krankenhaus zu bleiben. Abwechselnd tanzen nun alle Familienmitglieder mal am Bett des Sterbenden an, um ihrer Pflicht Genüge zu tun. Auch Midgley verhält sich seltsam egoistisch und stur, als ob er sich an seinem Vater irgendwie rächen wollte, aber nach dessen Tod scheint auch seine Ehe in die Brüche gegangen zu sein ...

Genauer sollte man den Inhalt nicht beschreiben, da sonst die Pointen verraten würden. Bennett schildert skurrile Situationen, die sich jedoch genau so ereignet haben könnten. Oder anders formuliert: Es handelt sich um Alltagssituationen, die, sollten sie sich tatsächlich ereignet haben, nur als skurril zu bezeichnen sind. Er kritisiert Verhaltensweisen von Menschen, von uns, ohne selbst dabei überheblich oder arrogant und besserwisserisch zu erscheinen. Es geht um verlogene Sex-Moral, um Heuchelei in der Ehe, um Rivalitäten in der Familie, um emotionsloses, beinahe menschenverachtendes Pflegepersonal in dem schlechten englischen Gesundheitssystem. Die Protagonisten führen sich alle selbst vor und entlarven sich. Allerdings werden sie an keiner Stelle vom Autor denunziert. Über den Texten liegt ein zarter, unsichtbarer Schleier von Humor. Man schmunzelt, begreift etwas, ist nie empört über eine Figur. Die Komik entsteht durch die realistische Beschreibung in Bennetts spezifischer Sprache: schnörkellos, kurz und sachlich. Im besten Sinne britisch.

(© 2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

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