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Inhalt:
Deutschland braucht dringend grundlegende Reformen - doch wohin diese Reformen eigentlich führen sollen, das scheint selbst vielen Politikern nicht recht klar zu sein. Paul Nolte analysiert die Schieflagen und Sackgassen, in die wir in den letzten Jahrzehnten hineingesteuert sind, und plädiert für eine neue Bürgergesellschaft, in der Individualismus, Initiative und Verantwortung nicht im Gegensatz zu einer solidarischen Gemeinschaft stehen. Seine klaren und manchmal provokativen Thesen über die Zumutungen, die wir uns alle in diesem Reformprozess gefallen lassen müssen,
sorgen für Zündstoff in einer scheinbar ausgelaugten
Debatte. Gegen die ängstliche Verteidigung von Besitzständen
ebenso wie gegen die Leichtigkeit der Spaßgesellschaft
artikuliert sich hier die wache intellektuelle Stimme einer
Generation Reform.
(©
2004 C. H. Beck Verlag)
Buchbesprechung
- Rezension:
Willkommen
im Armenasyl?
Paul
Nolte ist 41 Jahre alt und Professor für Geschichte an
der International University Bremen.
Das
Buch
Generation Reform ist eine Aufsatzsammlung. Die Aufsätze
sind in den zurückliegenden drei Jahren erschienen. Man
kann jeden Aufsatz für sich lesen.
Die Texte thematisieren alle den heruntergekommenen Zustand
Deutschlands. Heruntergekommen? Deutschland?
Jawohl. Und wie!
Nehmen wir nur einen der erbärmlichsten Indikatoren,
nehmen wir das Prokopfeinkommen (erbärmlich erstens,
weil die Ziffern grausig sind und vor allem, weil dieser Indikator
nur ökonomische Tatsachen zeigt, aber die Wurzeln, aus
denen die Zahlen resultieren, also die geistigen und kulturellen
Ursachen, negiert):
2003 lag das deutsche
Prokopfeinkommen unter dem europäischen Durchschnitt.
Tendenz fallend.
2003
war es ein Prozent Differenz.
2003 sind lediglich vier der 15 EU-Mitglieder ärmer als
Deutschland.
Vielleicht darum 2004 die Osterweiterung mit Ländern,
in die Deutschland als Nettozahler der EU reichlich Subventionen
rauschen lässt?
Das
deutsche Institut für Wirtschaftsforschung lässt
wissen: "Wenn es so weitergeht, sind wir in 10 Jahren
auf dem Stand von Portugal angekommen."
Viel
Vergnügen übrigens, falls wirklich die Türkei
in die EU aufgenommen wird: weitere 14 Milliarden Euro, die
Deutschland dann pro Jahr auswirft, und man vergesse nicht
die zu erwartenden zusätzlichen Sozialhilfeempfänger.
1976
zog Bundeskanzler Helmut Schmidt, der letzte, der noch was
von Wirtschaft verstand, mit dem Slogan "Modell Deutschland"
in den Bundestagswahlkampf. Die wirtschaftlichen Kennzahlen
zeigten damals in der Tat für Deutschland weltweit einen
Spitzenplatz.
Allerdings, die Fundamente des wirtschaftlichen Riesen Deutschland
wurden schon emsig unterminiert und benagt.
Deutschland leidet
an einer Geistesstörung
Maßstäbe
wurden in den Dreck gezogen. Maßstäbe, Werte indes,
auf denen eben gerade die wirtschaftlichen Kennzahlen basierten.
Fragen Sie mal einen beliebigen Sportler, ob die geistige
Einstellung wichtig ist.
Geistige Einstellungen - nennen Sie sie Maßstäbe,
mindset, Beliefs, Ethos, Orientierung, Werte, ganz wie Sie
wollen - wie etwa Leistung wurden verächtlich gemacht.
Hochkultur wurde relativiert, ja gänzlich in Frage gestellt.
Dennoch gibt es nun einmal eben eine Hierarchie der Werte.
Dass Johann Sebastian Bach Teil der Musikkultur ist und die
Ameise Teil einer Ameisenkultur, gibt einer Ameise längst
nicht den gleichen Wert wie Bach.
Beispiele
gefällig für die Perversion (Umdrehung, Verdrehung)
der Werte? Hier ein paar wenige:
Ein Juraprofessor 1976 in Erlangen: "Es geht darum,
die 10 Gebote zu relativieren".
Ein Geheul erhob sich in den 70-ern, als in Frankreich Eliteschulen
für Hochbegabte gegründet wurden und vernünftige
Politiker dies auch für Deutschland anregten. Haufenweise
landeten Hochbegabte, die sich im normalen Unterricht zu Tode
langweilten, in Sonderschulen.
Das Abitur wurde entwertet, weil die Anforderungen gesenkt
wurden.
Hochkultur wurde verächtlich gemacht zugunsten eines
schrankenlosen Relativismus. Analog zur chinesischen Kulturrevolution
unter Mao begann 1968 eine Kulturrevolution, deren traurige
Produkte heute die Figuren der Macht sind. Schönes Beispiel:
die sogenannte Bildungsministerin Doris Ahnen von Rheinland-Pfalz,
die im August 2004 nach dem Befreiungsschlag von FAZ, Spiegel,
Springer Verlag und Süddeutscher Zeitung für den
offenkundigen Schwachsinn der sogenannten Rechtsschreibreform
ist.
Mit einem Wort: Wenn Deutschland schon "Bildungsminister"
hat, die offensichtlich kein Sprachgefühl haben, was
sollen wir dann mittelfristig in der Wirtschaft erwarten?
Welche Drachensaat ist da gelegt?
Oder wie wäre es mit der PISA-Studie als Indikator? Soll
heute ein Betrieb von Lehrlingen (Das Wort "Auszubildender",
abgekürzt "Azubi", degradiert den individuellen
Menschen zu einem passiven Objekt.) nicht mehr die Beherrschung
der deutschen Sprache in Schrift und Wort, der Arithmetik
und eine gewisse Allgemeinbildung erwarten dürfen?
"Ist
erst das Reich der Vorstellungen revolutioniert, so hält
die Wirklichkeit nicht aus." (Hegel)
Vor
90 Jahren, 1914, erschoss ein reicher Privatbankier in einem
Berliner Luxushotel nach einem letzten Festmahl seine Familie
und sich. Er hatte im Frühling 1914 einem Klienten geraten,
in englische Pfund zu investieren. Durch den Kriegsausbruch
war das eine miserable Investition. Das ging dem Privatbankier
an die Ehre. Obwohl er unschuldig war an dem misslungenen
Geschäft, wollte er nicht weiterleben als jemand, der
einem Kunden schlechte Geschäfte empfohlen hatte.
2004 erlebten wir in Deutschland einen Wirtschaftsdarsteller,
der wegen Untreue vor Gericht stand und sich zu seinem Vorteil
knapp innerhalb des Gesetzes zu bewegen wusste. Und wie er
sich verhielt. Wie stilvoll, wie kultiviert!
Der
wirtschaftliche Verfall Deutschlands ist nur Symptom für
einen fundamentalen Wandlungsprozess, einen tieferen Niedergang,
den der Werte.
Zitat: "Gleichzeitig
befinden sich viele westeuropäische Gesellschaften, und
zumal die der Bundesrepublik Deutschland, in einer tiefen
Krise, die in einer Krise von Institutionen - der Sozialversicherung,
des Föderalismus und so weiter - längst nicht aufgeht,
sondern sich auch als Krise von Ethiken, von Maßstäben
und Orientierungen des Zusammenlebens manifestiert."
Wir
sind das Volk
Läge
Deutschland in Südamerika, so hätten wir schon eine
Revolution. So bewegen wir uns erst auf prärevolutionäre
Zustände hin. Erinnert sei an Arnulf Barings Aufruf vom
Herbst 2002: "Bürger auf die Barrikaden".
Schön, 2004 wieder Rufe zu hören: "Wir
sind das Volk.".
Stanislaw Jerzy Lec stellte die Frage: "Autovertreter
verkaufen Autos. Waschmaschinenvertreter verkaufen Waschmaschinen.
Volksvertreter?" Wachen
jetzt die helleren Köpfe der Dreißig- bis Vierzigjährigen
auf?
Das Buch von Paul Nolte gehört zum selben Genre wie der
Bestseller Deutschland.
Der Abstieg eines Superstars von Gabor Steingart.
Generation Reform ist von einem Professor verfasst
und vielleicht daher nicht so flüssig zu lesen.
Im
Gegensatz zu Steingart benennt Nolte die tieferen, die eigentlichen
Ursachen der Misere. Es ist eben der Verlust an Maßstäben,
Orientierungen und Werten.
Nolte beklagt das Verschwinden des Konservatismus in Deutschland.
Mit Verve betont er die Bedeutsamkeit von Werten, von Konzepten,
die von den 68-ern systematisch verunglimpft worden sind.
Seite 201: "Nur das rechte politische Denken scheint
eigenartig sang- und klanglos von der politischen Bühne
ebenso wie von der des intellektuellen Diskurses verschwunden
zu sein. Man muss schon wieder daran erinnern, dass es diesseits
von NPD, DVU und Republikanern eine rechte "Normalgesinnung",
einen Normalkonservatismus gibt - oder gab? - dessen Ausfall
eine historische Zäsur bedeuten würde."
Oft hätte Nolte prägnanter formulieren können. Vielleicht musste er Rücksicht nehmen auf die Seilschaften der 68-er, die ja auch an den Unis ihre Schäfchen und ihre Pensionsansprüche ins Trockene gebracht haben.
Übrigens,
ein Mittdreißiger, der seit Jahren in die Arbeitslosenversicherung
einzahlen muss und dies bis 50 nolens volens weiter macht
um dann, wenn er Pech hat, mit 50 arbeitslos zu werden, ist
binnen einiger Monate auf dem Stand eines Sozialhilfeempfängers,
der noch nie in seinem Leben einen Cent oder Pfennig in irgendeine
öffentliche Kasse eingezahlt hat.
Weltweit zuerst hat bekanntlich das Deutsche Reich mit Kanzler Bismarck die Sozialversicherung geschaffen. Gottseidank kann er zu den heutigen Zuständen keinen Kommentar abgeben.
(©
2004 Holger Roehlig für all-around-new-books.de)
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