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Adam Haberberg von Yasmina Reza
 


 

Roman/Erzählung

Adam Haberberg

Autorin: Yasmina Reza
Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel

gebunden, 152 Seiten
erschienen: Februar 2005
Hanser
ISBN: 3-446-20575-6
Preis: 15,90 Euro

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Klappentext:
Vor dem Straußengehege im Pariser Jardin des Plantes sitzt Adam Haberberg und denkt: Fiasko im Beruf, nichts los in der Ehe, die Kinder tanzen mir auf der Nase herum, und dazu noch eine Sehstörung auf dem linken Auge. Da tritt eine alte Bekannte aus dem Andenkenladen - Marie Thérèse Lyoc -, mit der er einst in dieselbe Klasse ging. Sie hat sich perfekt im juste milieu eingerichtet: geschieden, Vertreterin für Merchandising-Produkte, Geländewagen und eine adrette kleine Wohnung in der Banlieue. Warum nimmt Adam die Einladung zum Abendessen bei einer Frau an, die ihn nicht im geringsten interessiert? Wieso läßt er ihr banales Geplapper widerspruchslos über sich ergehen? Wird er schwach werden, wenn sie ihm den verfänglichen Brief einer gemeinsamen Jugendfreundin zeigt?

(© 2005 Hanser Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:

Als Schriftsteller "ist das Schlimmste, was dir passieren kann, ein Niemand zu sein". Die Autorin dieser Zeilen, zitiert aus ihrem neuesten Roman, braucht da keine Befürchtungen zu haben. Seit zehn Jahren ist sie ein international bekannter Jemand, ein Hätschelkind der Feuilletons; als weltweit meistgespielte Theaterautorin wird sie gepriesen: Yasmina Reza.

Mehrere selten aufgeführte Stücke hatte sie bereits geschrieben, als die damals nur Insidern bekannte Autorin 1995 nach einer sensationellen Berliner Inszenierung mit exzellenten Darstellern des Stückchens "Kunst", das auch schon einige Jahre in Dramaturgenschubladen geschlummert hatte, über Nacht zum Shooting-Star der Theaterszene emporschoss. Es gibt kaum ein deutsches Theater, das diese Geschichte dreier Freunde, von denen einer ein sündhaft teures weißes monochromes Bild kauft und sich dafür mächtig verscheißern lassen muss, nicht aufgeführt hat. Das Stück, in dem moderne Kunst und ein naiver Kunstliebhaber lächerlich gemacht, ja denunziert werden, entwickelte sich zum Kassenfüller deutscher Stadttheater für mehrere Jahre und wurde in zig Sprachen übersetzt.

Es gibt wahrscheinlich keine Illustrierte in Europa, die nicht über die durchaus sehr attraktive französische Autorin mit der beeindruckenden Biografie berichtet hat. Stets wird ihre Erscheinung, das Selbstbewusstsein, gepaart mit der scheuen Art, "der Sitz der schwarzen Haare, die Gesten voller Anmut", die großen Augen, der Mund hervorgehoben. Und dann ihre jüdisch-ungarisch-persische Herkunft. Das ist der Stoff, aus dem die Medien heute Stars machen.

Seit Anfang Februar liegt nun ihr zweiter Roman vor: Adam Haberberg, erschienen bei einem der besten deutschen Literaturverlage, Hanser, ins Deutsche übersetzt von den derzeit vielleicht nachgefragtesten Übersetzern Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Im Klappentext heißt es: "Reza macht - mit scharfer Personenzeichnung und den witzig abgründigen Dialogen - die Begegnung der beiden zu einem geistreichen Stück Lebensphilosophie.". Die Erwartungen sind hoch.

Worum geht es? Mit "noch nicht mal fünfzig Jahren" fühlt sich der Schriftsteller Adam Haberberg am Ende, zum Sterben. Sein letzter Roman ist, wie schon der vorletzte, ein Flop. Erfolg hat er nur mit seiner Nebentätigkeit: Unter Pseudonym schreibt er Groschenromane für den Bahnhofskiosk. Seine Ehe kriselt. Er hat ein Augenleiden und fürchtet sich vor einer drohenden Thrombose. Völlig niedergeschlagen, desillusioniert und über sein Leben sinnierend wird er unerwartet von einer - wie er findet - unattraktiven Frau erkannt und angesprochen: Marie-Thérèse Lyoc, eine Klassenkameradin, die schon zu Schulzeiten niemand mochte, weil sie so unscheinbar war. Sie schlägt ein gemeinsames Essen bei ihr zu Hause vor, er willigt ein - warum, weiß er nicht. Die beiden fahren in einen atmosphärelosen Vorort von Paris und reden und reden, wie man das ja aus französischen Filmen und Theaterstücken kennt, über Belangloses: ob der andere verheiratet oder warum geschieden ist, ob man Kinder hat und warum nicht usw.

Eigentlich ist es gar kein richtiges Gespräch, denn nur Marie-Thérèse fragt und antwortet ernsthaft, Adam lässt sich seitenlang von seinen Gedanken - Versagen, Familie, Krankheit - ablenken und redet nur mechanisch.

Natürlich kann man während der kilometer- und seitenlangen Autofahrt vermuten, dass nach dem gemeinsamen Essen das Dessert im Bett stattfindet, aber der geübte Leser weiß natürlich, dass es bei einer anspruchsvollen Autorin bestimmt nicht zum Midlifecrisis-Geschlechtsverkehr kommen wird. Und er hat Recht!

Wo sind die "scharfen Personenzeichnungen, die witzig abgründigen Dialoge, das geistreiche Stück Lebensphilosophie"?

Die abgründigen Dialoge lesen sich so:

"- Und deine Mutter?
- Meine Mutter ist gestorben, als ich zehn war.
- Entschuldige.
- Besuchen deine Kinder sie?, nimmt Marie Thérèse den Faden wieder auf.
- Wen?
- Deine Eltern.
- Nicht oft.
- Das ist schade.
- Nein.
- Warum?
- Weil sich meine Eltern überhaupt nicht für sie interessieren.
- Das ist aber gemein, so was zu sagen.
- Nein.
- Es ist schade, wenn Kinder ihre Großeltern nicht kennen.
- Sie kennen sich doch.
- Sie nicht wirklich zu kennen. (...)"

Zu Beginn der Geschichte, wenn Haberberg über sein missratenes Buch nachdenkt, lesen wir: "Aber er mußte schon zugeben, daß das Buch, einst (vor gar nicht langer Zeit) voller Zweifel geliebt, aber doch geliebt, trotz oder wegen des Zweifels, mit einem Mal ungeliebt war, ungewollt sogar, ein Scheißding mehr in einer Welt voll unnützem, täglich zunehmendem Scheiß, und diese Empfindung war aufrichtig, abgesehen von dem Detail, daß sich nicht klären ließ, zu welchem Augenblick genau sie Gestalt angenommen, in welchem Stadium des Fiaskos sie sich aufgedrängt hatte, und auch nicht, ob es sich um Weitsicht handelte oder um einen Rettungsanker."

Selten habe ich ein so uninspiriertes, langweiliges, unerotisches Buch in einer stillosen, geschwätzigen, kunstgewerblerischen Sprache gelesen. Mal werden fast seitenlange Schachtelsätze benutzt, gleich darauf kurze, abgehackte Hauptsätze.

Niemals hätte der Hanser Verlag dieses Manuskript von einer unbekannten Autorin angenommen, und niemals hätten die beiden bekannten Übersetzer dann dieses Werk übersetzt. - Ja, so ist das nun mal mit der Berühmtheit in unserer Medienzeit. Das Buch wird sicherlich einige zigtausendmal über den Buchladentisch gereicht werden. Ob es gelesen wird, ist eine andere Frage. Nicht jedes Aneinanderreihen von mehr oder weniger gelungenen Sätzen wird schon zur Literatur, auch nicht, wenn die Aneinanderreiherin eine bekannte Frau mit "schwarzem Haar und großen Augen" ist.

(© 2005 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

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