| Klappentext:
Vor dem Straußengehege im Pariser Jardin des Plantes
sitzt Adam Haberberg und denkt: Fiasko im Beruf, nichts
los in der Ehe, die Kinder tanzen mir auf der Nase herum,
und dazu noch eine Sehstörung auf dem linken Auge. Da
tritt eine alte Bekannte aus dem Andenkenladen - Marie
Thérèse Lyoc -, mit der er einst in dieselbe Klasse
ging. Sie hat sich perfekt im juste milieu eingerichtet:
geschieden, Vertreterin für Merchandising-Produkte,
Geländewagen und eine adrette kleine Wohnung in der
Banlieue. Warum nimmt Adam die Einladung zum Abendessen
bei einer Frau an, die ihn nicht im geringsten interessiert?
Wieso läßt er ihr banales Geplapper widerspruchslos
über sich ergehen? Wird er schwach werden, wenn sie
ihm den verfänglichen Brief einer gemeinsamen Jugendfreundin
zeigt?
(©
2005 Hanser Verlag)
Buchbesprechung - Rezension:
Als Schriftsteller "ist das Schlimmste, was dir passieren
kann, ein Niemand zu sein". Die Autorin dieser Zeilen,
zitiert aus ihrem neuesten Roman, braucht da keine Befürchtungen
zu haben. Seit zehn Jahren ist sie ein international
bekannter Jemand, ein Hätschelkind der Feuilletons;
als weltweit meistgespielte Theaterautorin wird sie
gepriesen: Yasmina Reza.
Mehrere selten aufgeführte Stücke hatte sie bereits
geschrieben, als die damals nur Insidern bekannte Autorin
1995 nach einer sensationellen Berliner Inszenierung
mit exzellenten Darstellern des Stückchens "Kunst",
das auch schon einige Jahre in Dramaturgenschubladen
geschlummert hatte, über Nacht zum Shooting-Star der
Theaterszene emporschoss. Es gibt kaum ein deutsches
Theater, das diese Geschichte dreier Freunde, von denen
einer ein sündhaft teures weißes monochromes Bild kauft
und sich dafür mächtig verscheißern lassen muss, nicht
aufgeführt hat. Das Stück, in dem moderne Kunst
und ein naiver Kunstliebhaber lächerlich gemacht, ja
denunziert werden, entwickelte sich zum Kassenfüller
deutscher Stadttheater für mehrere Jahre und wurde in
zig Sprachen übersetzt.
Es gibt wahrscheinlich keine Illustrierte in Europa,
die nicht über die durchaus sehr attraktive französische
Autorin mit der beeindruckenden Biografie berichtet
hat. Stets wird ihre Erscheinung, das Selbstbewusstsein,
gepaart mit der scheuen Art, "der Sitz der schwarzen
Haare, die Gesten voller Anmut", die großen Augen, der
Mund hervorgehoben. Und dann ihre jüdisch-ungarisch-persische
Herkunft. Das ist der Stoff, aus dem die Medien heute
Stars machen.
Seit Anfang Februar liegt nun ihr zweiter Roman vor:
Adam Haberberg, erschienen bei einem der besten
deutschen Literaturverlage, Hanser, ins Deutsche übersetzt
von den derzeit vielleicht nachgefragtesten Übersetzern
Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Im Klappentext
heißt es: "Reza macht - mit scharfer Personenzeichnung
und den witzig abgründigen Dialogen - die Begegnung
der beiden zu einem geistreichen Stück Lebensphilosophie.".
Die Erwartungen sind hoch.
Worum geht es? Mit "noch nicht mal fünfzig Jahren"
fühlt sich der Schriftsteller Adam Haberberg am Ende,
zum Sterben. Sein letzter Roman ist, wie schon der vorletzte,
ein Flop. Erfolg hat er nur mit seiner Nebentätigkeit:
Unter Pseudonym schreibt er Groschenromane für den Bahnhofskiosk.
Seine Ehe kriselt. Er hat ein Augenleiden und fürchtet
sich vor einer drohenden Thrombose. Völlig niedergeschlagen,
desillusioniert und über sein Leben sinnierend wird
er unerwartet von einer - wie er findet - unattraktiven
Frau erkannt und angesprochen: Marie-Thérèse Lyoc, eine
Klassenkameradin, die schon zu Schulzeiten niemand mochte,
weil sie so unscheinbar war. Sie schlägt ein gemeinsames
Essen bei ihr zu Hause vor, er willigt ein - warum,
weiß er nicht. Die beiden fahren in einen atmosphärelosen
Vorort von Paris und reden und reden, wie man das ja
aus französischen Filmen und Theaterstücken kennt, über
Belangloses: ob der andere verheiratet oder warum geschieden
ist, ob man Kinder hat und warum nicht usw.
Eigentlich ist es gar kein richtiges Gespräch, denn
nur Marie-Thérèse fragt und antwortet ernsthaft, Adam
lässt sich seitenlang von seinen Gedanken - Versagen,
Familie, Krankheit - ablenken und redet nur mechanisch.
Natürlich kann man während der kilometer- und seitenlangen
Autofahrt vermuten, dass nach dem gemeinsamen Essen
das Dessert im Bett stattfindet, aber der geübte Leser
weiß natürlich, dass es bei einer anspruchsvollen Autorin
bestimmt nicht zum Midlifecrisis-Geschlechtsverkehr
kommen wird. Und er hat Recht!
Wo sind die "scharfen Personenzeichnungen, die witzig
abgründigen Dialoge, das geistreiche Stück Lebensphilosophie"?
Die abgründigen Dialoge lesen sich so:
"-
Und deine Mutter?
- Meine Mutter ist gestorben, als ich zehn war.
- Entschuldige.
- Besuchen deine Kinder sie?, nimmt Marie Thérèse
den Faden wieder auf.
- Wen?
- Deine Eltern.
- Nicht oft.
- Das ist schade.
- Nein.
- Warum?
- Weil sich meine Eltern überhaupt nicht für sie interessieren.
- Das ist aber gemein, so was zu sagen.
- Nein.
- Es ist schade, wenn Kinder ihre Großeltern nicht
kennen.
- Sie kennen sich doch.
- Sie nicht wirklich zu kennen. (...)"
Zu Beginn der Geschichte, wenn Haberberg über sein missratenes
Buch nachdenkt, lesen wir: "Aber er mußte schon
zugeben, daß das Buch, einst (vor gar nicht langer Zeit)
voller Zweifel geliebt, aber doch geliebt, trotz oder
wegen des Zweifels, mit einem Mal ungeliebt war, ungewollt
sogar, ein Scheißding mehr in einer Welt voll unnützem,
täglich zunehmendem Scheiß, und diese Empfindung war
aufrichtig, abgesehen von dem Detail, daß sich nicht
klären ließ, zu welchem Augenblick genau sie Gestalt
angenommen, in welchem Stadium des Fiaskos sie sich
aufgedrängt hatte, und auch nicht, ob es sich um Weitsicht
handelte oder um einen Rettungsanker."
Selten
habe ich ein so uninspiriertes, langweiliges, unerotisches
Buch in einer stillosen, geschwätzigen, kunstgewerblerischen
Sprache gelesen. Mal werden fast seitenlange Schachtelsätze
benutzt, gleich darauf kurze, abgehackte Hauptsätze.
Niemals hätte der Hanser Verlag dieses Manuskript von
einer unbekannten Autorin angenommen, und niemals hätten
die beiden bekannten Übersetzer dann dieses Werk übersetzt.
- Ja, so ist das nun mal mit der Berühmtheit in unserer
Medienzeit. Das Buch wird sicherlich einige zigtausendmal
über den Buchladentisch gereicht werden. Ob es gelesen
wird, ist eine andere Frage. Nicht jedes Aneinanderreihen
von mehr oder weniger gelungenen Sätzen wird schon zur
Literatur, auch nicht, wenn die Aneinanderreiherin eine
bekannte Frau mit "schwarzem Haar und großen Augen"
ist.
(©
2005 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
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