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Klappentext:
Der
Schriftsteller Sidney Orr, 35, wohnhaft in Brooklyn,
ist nach einem schweren Unfall auf dem Weg der Genesung.
Als er in einem Schreibwarengeschäft von einem
mysteriösen Chinesen ein wundervolles blaues Notizbuch
kauft, verschwindet auch seine Schreibhemmung, die ihn
seit dem Unfall plagt. Die Geschichten fliegen ihm nur
so zu: eine gebiert eine andere, diese die nächste,
und so taucht er ein in ein Labyrinth von Erzählungen,
bis ihm langsam dämmert, dass diesen Geschichten
eine seltsame Neigung innezuwohnen scheint. Sie beginnen
fulminant und führen immer häufiger in ausweglose
Situationen. Selbst sein neu geschenktes Leben, so überaus
optimistisch wieder aufgenommen, scheint binnen einer
Woche in eine Sackgasse zu geraten. Vor allem seine
über alles geliebte Frau verschließt sich
vor ihm, hütet ein Geheimnis. Was ist da im Spiel?
Zufall? Magie? Schicksal? Als er sich auf die Suche
nach dem Zusammenhang zwischen diesen rätselhaften
Entwicklungen macht, ist es bereits zu spät ...
(©
2004 Rowohlt Verlag)
Buchbesprechung - Rezension:
Paul Austers Romanhelden sind häufig Durchschnittsmenschen:
Männer, denen ein Unglück widerfahren ist,
die ihre Familie durch Unfall oder Scheidung verloren
haben, die sich einsam fühlen, die erfolglos sind,
also Verlierer der modernen Gesellschaft. Sie sind aus
der Bahn geworfen, entwurzelt. Beim Versuch, ein neues
Leben anzufangen, wieder Tritt zu fassen in der bürgerlichen
Gesellschaft - manchmal auch ganz anders als zuvor -
geraten sie oft in rätselhafte, irrationale Situationen,
die ihr Leben radikal verändern.
In Nacht des Orakels beginnt alles mit dem
geheimnisvollen, blauen, portugiesischen Notizbuch,
das Sidney Orr, der Schriftsteller, der nach einem schweren
Unfall vor einem Jahr an einer Schreibhemmung leidet,
in einem neu eröffneten Schreibwarenladen entdeckt.
Man könnte meinen, das Buch setze neue Energien
frei. Die Schreibblockade ist weggeblasen, ja, die Phantasie
scheint sich zu überschlagen. Orr kann mit seinem
Füller gar nicht so schnell schreiben, wie die
neuen Gedanken in seinem Kopf entstehen. Er ist glücklich,
sein künstlerisches Talent ist zurück. Nach
wenigen Tagen ist das blaue Buch etwa zur Hälfte
vollgeschrieben mit der Einführung einer exzellenten,
spannenden Geschichte, da passiert wieder etwas Unvorhergesehenes:
Die Figuren in dem Buch sind in eine ausweglose Situation
geraten, aus der sie weder allein noch durch fremde
Hilfe gerettet werden können. Für den Autor
gibt es keinen Ausweg aus dieser Sackgasse. Der lang
ersehnte Schreibversuch scheint gescheitert zu sein.
Am nächsten Morgen erzählt seine Frau Grace,
mit der er bislang nicht über sein neues Werk gesprochen
hat, ihm ihren letzten Traum: exakt seine Geschichte
aus dem blauen Buch.
Zu
seiner Enttäuschung über die missratene Geschichte
kommt hinzu, dass Grace, die er liebt und die sich während
seiner Krankheit rührend um ihn gekümmert
hat, sich seit ein paar Tagen sehr seltsam verhält.
Sie kann und will nicht darüber reden. Dass sie
ein Geheimnis mit sich herumträgt, ist für
Sidney völlig klar, und ein paar Tage später
scheint er die Lösung entdeckt zu haben ...
Mehr
von der Handlung zu verraten, wäre unlauter. Das
Buch ist voller Überraschungen. Es gibt zahlreiche
Handlungsstränge und überraschende Wendungen.
Realität und Fiktion, also die erfundene Geschichte
des Protagonisten Sidney Orr, haben Gemeinsamkeiten
und vermischen sich. Wir befinden uns mit den Figuren
in einem geheimnisvollen Handlungslabyrinth. Erinnerungen
an Kafka und Beckett, die Auster sehr verehrt, sind
kein Zufall. Kann man mit einer erfundenen Geschichte
die Wirklichkeit beeinflussen? "Manchmal wissen
wir Dinge, bevor sie passieren, auch wenn wir nicht
wissen, dass wir sie wissen. Wir leben in der Gegenwart,
aber die Zukunft ist in uns. Vielleicht geht es beim
Schreiben nur darum, Dinge in der Zukunft geschehen
zu lassen." Und natürlich handelt das
Buch auch von einer großen Liebe.
Nacht
des Orakels ist Paul Austers kunstvollstes Buch.
Wie stets bei diesem Autor beginnt die Spannung mit
den ersten beiden Sätzen: "Ich war lange
krank gewesen. Als ich das Krankenhaus verlassen durfte,
konnte ich kaum noch gehen, konnte mich kaum noch daran
erinnern, wer ich eigentlich war ..."
Mit jedem neuen Buch verblüfft er uns mit seiner schier unerschöpflichen Phantasie. Und das in einer flüssigen und bilderreichen Sprache, die von Werner Schmitz wieder vortrefflich übersetzt wurde.
Der neue Auster: wahrscheinlich der beste Auster!
(©
2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
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