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Roman/Erzählung

Nacht des Orakels

Autor: Paul Auster
Deutsch von Werner Schmitz

Roman
gebunden mit Schutzumschlag, 286 Seiten
erschienen: März 2004
Rowohlt
ISBN: 3498000640
Preis: 19,90 Euro

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Klappentext:
Der Schriftsteller Sidney Orr, 35, wohnhaft in Brooklyn, ist nach einem schweren Unfall auf dem Weg der Genesung. Als er in einem Schreibwarengeschäft von einem mysteriösen Chinesen ein wundervolles blaues Notizbuch kauft, verschwindet auch seine Schreibhemmung, die ihn seit dem Unfall plagt. Die Geschichten fliegen ihm nur so zu: eine gebiert eine andere, diese die nächste, und so taucht er ein in ein Labyrinth von Erzählungen, bis ihm langsam dämmert, dass diesen Geschichten eine seltsame Neigung innezuwohnen scheint. Sie beginnen fulminant und führen immer häufiger in ausweglose Situationen. Selbst sein neu geschenktes Leben, so überaus optimistisch wieder aufgenommen, scheint binnen einer Woche in eine Sackgasse zu geraten. Vor allem seine über alles geliebte Frau verschließt sich vor ihm, hütet ein Geheimnis. Was ist da im Spiel? Zufall? Magie? Schicksal? Als er sich auf die Suche nach dem Zusammenhang zwischen diesen rätselhaften Entwicklungen macht, ist es bereits zu spät ...

(© 2004 Rowohlt Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:

Paul Austers Romanhelden sind häufig Durchschnittsmenschen: Männer, denen ein Unglück widerfahren ist, die ihre Familie durch Unfall oder Scheidung verloren haben, die sich einsam fühlen, die erfolglos sind, also Verlierer der modernen Gesellschaft. Sie sind aus der Bahn geworfen, entwurzelt. Beim Versuch, ein neues Leben anzufangen, wieder Tritt zu fassen in der bürgerlichen Gesellschaft - manchmal auch ganz anders als zuvor - geraten sie oft in rätselhafte, irrationale Situationen, die ihr Leben radikal verändern.

In Nacht des Orakels beginnt alles mit dem geheimnisvollen, blauen, portugiesischen Notizbuch, das Sidney Orr, der Schriftsteller, der nach einem schweren Unfall vor einem Jahr an einer Schreibhemmung leidet, in einem neu eröffneten Schreibwarenladen entdeckt. Man könnte meinen, das Buch setze neue Energien frei. Die Schreibblockade ist weggeblasen, ja, die Phantasie scheint sich zu überschlagen. Orr kann mit seinem Füller gar nicht so schnell schreiben, wie die neuen Gedanken in seinem Kopf entstehen. Er ist glücklich, sein künstlerisches Talent ist zurück. Nach wenigen Tagen ist das blaue Buch etwa zur Hälfte vollgeschrieben mit der Einführung einer exzellenten, spannenden Geschichte, da passiert wieder etwas Unvorhergesehenes: Die Figuren in dem Buch sind in eine ausweglose Situation geraten, aus der sie weder allein noch durch fremde Hilfe gerettet werden können. Für den Autor gibt es keinen Ausweg aus dieser Sackgasse. Der lang ersehnte Schreibversuch scheint gescheitert zu sein. Am nächsten Morgen erzählt seine Frau Grace, mit der er bislang nicht über sein neues Werk gesprochen hat, ihm ihren letzten Traum: exakt seine Geschichte aus dem blauen Buch.

Zu seiner Enttäuschung über die missratene Geschichte kommt hinzu, dass Grace, die er liebt und die sich während seiner Krankheit rührend um ihn gekümmert hat, sich seit ein paar Tagen sehr seltsam verhält. Sie kann und will nicht darüber reden. Dass sie ein Geheimnis mit sich herumträgt, ist für Sidney völlig klar, und ein paar Tage später scheint er die Lösung entdeckt zu haben ...

Mehr von der Handlung zu verraten, wäre unlauter. Das Buch ist voller Überraschungen. Es gibt zahlreiche Handlungsstränge und überraschende Wendungen. Realität und Fiktion, also die erfundene Geschichte des Protagonisten Sidney Orr, haben Gemeinsamkeiten und vermischen sich. Wir befinden uns mit den Figuren in einem geheimnisvollen Handlungslabyrinth. Erinnerungen an Kafka und Beckett, die Auster sehr verehrt, sind kein Zufall. Kann man mit einer erfundenen Geschichte die Wirklichkeit beeinflussen? "Manchmal wissen wir Dinge, bevor sie passieren, auch wenn wir nicht wissen, dass wir sie wissen. Wir leben in der Gegenwart, aber die Zukunft ist in uns. Vielleicht geht es beim Schreiben nur darum, Dinge in der Zukunft geschehen zu lassen." Und natürlich handelt das Buch auch von einer großen Liebe.

Nacht des Orakels ist Paul Austers kunstvollstes Buch. Wie stets bei diesem Autor beginnt die Spannung mit den ersten beiden Sätzen: "Ich war lange krank gewesen. Als ich das Krankenhaus verlassen durfte, konnte ich kaum noch gehen, konnte mich kaum noch daran erinnern, wer ich eigentlich war ..."

Mit jedem neuen Buch verblüfft er uns mit seiner schier unerschöpflichen Phantasie. Und das in einer flüssigen und bilderreichen Sprache, die von Werner Schmitz wieder vortrefflich übersetzt wurde.

Der neue Auster: wahrscheinlich der beste Auster!

(© 2004 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

 

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