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Roman/Erzählung

Die Liebesblödigkeit

Autor: Wilhelm Genazino

gebunden, 208 Seiten
erschienen: Februar 2005
Hanser
ISBN: 3-446-20595-0
Preis: 17,90 Euro

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Verlagstext:
Lange schon lebt der Apokalypse-Spezialist und Seminarleiter eine Ménage à trois, ohne dass die Frauen davon wissen. Doch langsam kommt er in ein kritisches Alter, und das Liebesleben leidet immer mehr unter der Anstrengung, Sandra und Judith voneinander fern zu halten. Eines Tages beschließt er, sich von einer der beiden zu trennen - doch welche soll es sein? Die Entscheidung, die sein Leben erleichtern sollte, macht alles nur noch auswegloser. Ein ironisches Bekenntnis zum "Durcheinander des Liebeslebens".

(© 2005 Hanser Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:

Schon im Kindergottesdienst haben wir gelernt, dass wir unsere Eltern, also Vater und Mutter, lieben sollen, beide; von Vater oder Mutter war nie die Rede. Wenn ein Mann erwachsen ist, darf er dann nur noch eine Frau "offiziell" lieben. Na ja, es kommt schon öfter mal vor, dass ein Mann eine Ehefrau und gelegentlich eine Geliebte heimlich nebenbei hat. Aber das soll nicht sein und wird gesellschaftlich geächtet. Warum eigentlich? Der Ich-Erzähler in Wilhelm Genazinos neuestem Buch Die Liebesblödigkeit hat seit Jahren schon zwei Frauen und kein schlechtes Gewissen. Er lebt in drei Wohnungen und fühlt sich bislang sehr wohl dabei. Durch diese "Doppelverankerung" wird er geradezu "mit Liebe gemästet", wie er findet.

53 Jahre ist der Erzähler alt. Seinen Lebensunterhalt bestreitet der promovierte Apokalyptiker mit Seminaren über die Dekadenz der Gesellschaft und deren drohenden Untergang. Dabei ist er ziemlich erfolgreich, was der geborene Pessimist und Hypochonder selbst nicht recht begreifen kann. Nun im 6. Lebensjahrzehnt angelangt, steht es für ihn fest, dass er mit einer allmählich voranschreitenden "Sexualverlöschung" rechnen muss. Als er eines Tages auch noch irrtümlich anstelle des Wortes Endredaktion "Enderektion" liest, spürt er förmlich, dass er nun sein Leben ändern und sich für eine Frau entscheiden muss, was den Apokalypse-Spezialisten in eine richtige Krise stürzt, denn die Entscheidung für eine der beiden bedeutet gleichzeitig den Verlust der anderen. Und er braucht beide: die sinnlich-fleischliche 43-jährige Chef-Sekretärin Sandra genauso wie die schlanke, kunstsinnige 51-jährige Judith, die von Klavier- und Nachilfeunterricht lebt. Monatelang beschäftigt ihn dieser offensichtlich unlösbare Konflikt, doch ganz am Schluss scheint es einen Ausweg zu geben.

Wilhelm Genazino ist ein Meister im Beschreiben des Alltäglichen. Mit wenigen Sätzen gelingt es ihm, eine Atmosphäre herzustellen, dass beim Leser der Eindruck entsteht, diese Situation selbst erlebt zu haben, etwa die Beschreibung der altersfrustrierten akademischen Zuhörer eines Vortrags in einem Schweizer Hotel oder das Frühstück im Hotel am Morgen danach, bei dem es dem Referenten nicht gelingt, allein an einem Tisch sitzend, in Ruhe seinen Kaffee zu trinken.

Genazino erfindet entzückend-skurrile Figuren, etwa den Ekel-Referenten, den Posthasser, der überzeugt ist, dass die Post ihm durch Nichterledigung ihrer Aufgaben erheblich geschadet hat oder den Empörten-Beauftragten eines großen Unternehmens. Und dann natürlich die beiden Frauen Sandra und Judith, die beide grundverschieden sind und jede auf ihre Art so liebenswürdig ist, dass man(n) unseren Erzähler nur beglückwünschen kann und versteht, warum die Entscheidung für nur eine nicht zu treffen ist. Der Autor liebt seine Protagonisten, alle. Man spürt es in jedem Satz. Zynismus oder Denunziation von Figuren sind ihm fremd

Genazinos Sprache macht süchtig. Es gibt Sätze wie "Das Problem des Alterns ist: Man erfährt zuviel Neues über sich, aber das Neue ist undeutlich und wirr". Oder im Zugabteil: "Alles lässt im Alter nach, nur der Rededrang nicht, der wird sogar noch stärker". Oder: "Das Gefühl der feigen Scham hat sich in mir eingekörpert, es wird mich nie wieder verlassen". Es sind Sätze mit einfachen Worten, die jedoch Eindruck hinterlassen und die man so schnell nicht mehr vergisst, wie die Grundmelodie bei einem Musical, die man beim Verlassen des Theaters noch pfeift. Und alles mit Leichtigkeit und verstecktem Humor

Die beiden Paare (so könnte man die Dreierbeziehung ja nennen) haben natürlich auch sexuelle Erlebnisse, die so erotisch und leidenschaftlich passieren, ge- oder misslingen, vor allem aber echt und selbstverständlich geschehen, wie dies nun mal in Liebesbeziehungen bei Menschen mittleren Alters passiert. Genazino drückt sich nicht davor, dies zu beschreiben. Es bleibt nichts ausgespart oder wird mit einem schwarzen Balken zensiert, im Gegenteil, es knistert vor Erotik, und doch braucht der Autor kein obszönes Wort dafür. Hier können viele der ach so aufgeklärten, coolen, modischen Jungschreiber, die glauben, die Literatur neu erfinden zu können, und die ohne "Ficken, Blasen usw." über keine anderen Vokabeln zum Beschreiben von sexuellen Erlebnissen verfügen, eine Lehrstunde nehmen. Es ist wie bei allem im Leben: Manche können es, andere eben nicht.

Wilhelm Genazino, einer der interessantesten, sprachgewaltigsten und produktivsten deutschen Autoren, hat mit dem kleinen Roman wieder einmal unter Beweis gestellt, dass er zu den großen Gestaltern der zeitgenössischen Literatur zählt. Viele Jahre lang blühte sein schriftstellerisches Können im Verborgenen und war nur wenigen Eingeweihten ein Begriff. Durch die Verleihung des Georg-Büchner-Preises im vergangenen Jahr hat er endlich die öffentliche Anerkennung und Bekanntheit erlangt, die ihm und seinem Werk gebührt. Ein tolles Buch!

(© 2005 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)

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