| Verlagstext:
Lange schon lebt der Apokalypse-Spezialist und Seminarleiter
eine Ménage à trois, ohne dass die Frauen
davon wissen. Doch langsam kommt er in ein kritisches
Alter, und das Liebesleben leidet immer mehr unter der
Anstrengung, Sandra und Judith voneinander fern zu halten.
Eines Tages beschließt er, sich von einer der
beiden zu trennen - doch welche soll es sein? Die Entscheidung,
die sein Leben erleichtern sollte, macht alles nur noch
auswegloser. Ein ironisches Bekenntnis zum "Durcheinander
des Liebeslebens".
(©
2005 Hanser Verlag)
Buchbesprechung - Rezension:
Schon im Kindergottesdienst haben wir gelernt, dass
wir unsere Eltern, also Vater und Mutter, lieben
sollen, beide; von Vater oder Mutter war nie
die Rede. Wenn ein Mann erwachsen ist, darf er dann
nur noch eine Frau "offiziell" lieben. Na
ja, es kommt schon öfter mal vor, dass ein Mann
eine Ehefrau und gelegentlich eine Geliebte heimlich
nebenbei hat. Aber das soll nicht sein und wird gesellschaftlich
geächtet. Warum eigentlich? Der Ich-Erzähler
in Wilhelm Genazinos neuestem Buch Die Liebesblödigkeit
hat seit Jahren schon zwei Frauen und kein schlechtes
Gewissen. Er lebt in drei Wohnungen und fühlt sich
bislang sehr wohl dabei. Durch diese "Doppelverankerung"
wird er geradezu "mit Liebe gemästet",
wie er findet.
53
Jahre ist der Erzähler alt. Seinen Lebensunterhalt
bestreitet der promovierte Apokalyptiker mit Seminaren
über die Dekadenz der Gesellschaft und deren drohenden
Untergang. Dabei ist er ziemlich erfolgreich, was der
geborene Pessimist und Hypochonder selbst nicht recht
begreifen kann. Nun im 6. Lebensjahrzehnt angelangt,
steht es für ihn fest, dass er mit einer allmählich
voranschreitenden "Sexualverlöschung"
rechnen muss. Als er eines Tages auch noch irrtümlich
anstelle des Wortes Endredaktion "Enderektion"
liest, spürt er förmlich, dass er nun sein
Leben ändern und sich für eine Frau entscheiden
muss, was den Apokalypse-Spezialisten in eine richtige
Krise stürzt, denn die Entscheidung für eine
der beiden bedeutet gleichzeitig den Verlust der anderen.
Und er braucht beide: die sinnlich-fleischliche 43-jährige
Chef-Sekretärin Sandra genauso wie die schlanke,
kunstsinnige 51-jährige Judith, die von Klavier-
und Nachilfeunterricht lebt. Monatelang beschäftigt
ihn dieser offensichtlich unlösbare Konflikt, doch
ganz am Schluss scheint es einen Ausweg zu geben.
Wilhelm
Genazino ist ein Meister im Beschreiben des Alltäglichen.
Mit wenigen Sätzen gelingt es ihm, eine Atmosphäre
herzustellen, dass beim Leser der Eindruck entsteht,
diese Situation selbst erlebt zu haben, etwa die Beschreibung
der altersfrustrierten akademischen Zuhörer eines
Vortrags in einem Schweizer Hotel oder das Frühstück
im Hotel am Morgen danach, bei dem es dem Referenten
nicht gelingt, allein an einem Tisch sitzend, in Ruhe
seinen Kaffee zu trinken.
Genazino
erfindet entzückend-skurrile Figuren, etwa den
Ekel-Referenten, den Posthasser, der überzeugt
ist, dass die Post ihm durch Nichterledigung ihrer Aufgaben
erheblich geschadet hat oder den Empörten-Beauftragten
eines großen Unternehmens. Und dann natürlich
die beiden Frauen Sandra und Judith, die beide grundverschieden
sind und jede auf ihre Art so liebenswürdig ist,
dass man(n) unseren Erzähler nur beglückwünschen
kann und versteht, warum die Entscheidung für nur
eine nicht zu treffen ist. Der Autor liebt seine Protagonisten,
alle. Man spürt es in jedem Satz. Zynismus oder
Denunziation von Figuren sind ihm fremd
Genazinos
Sprache macht süchtig. Es gibt Sätze wie "Das
Problem des Alterns ist: Man erfährt zuviel Neues
über sich, aber das Neue ist undeutlich und wirr".
Oder im Zugabteil: "Alles lässt im Alter
nach, nur der Rededrang nicht, der wird sogar noch stärker".
Oder: "Das Gefühl der feigen Scham hat
sich in mir eingekörpert, es wird mich nie wieder
verlassen". Es sind Sätze mit einfachen
Worten, die jedoch Eindruck hinterlassen und die man
so schnell nicht mehr vergisst, wie die Grundmelodie
bei einem Musical, die man beim Verlassen des Theaters
noch pfeift. Und alles mit Leichtigkeit und verstecktem
Humor
Die
beiden Paare (so könnte man die Dreierbeziehung
ja nennen) haben natürlich auch sexuelle Erlebnisse,
die so erotisch und leidenschaftlich passieren, ge-
oder misslingen, vor allem aber echt und selbstverständlich
geschehen, wie dies nun mal in Liebesbeziehungen bei
Menschen mittleren Alters passiert. Genazino drückt
sich nicht davor, dies zu beschreiben. Es bleibt nichts
ausgespart oder wird mit einem schwarzen Balken zensiert,
im Gegenteil, es knistert vor Erotik, und doch braucht
der Autor kein obszönes Wort dafür. Hier können
viele der ach so aufgeklärten, coolen, modischen
Jungschreiber, die glauben, die Literatur neu erfinden
zu können, und die ohne "Ficken, Blasen usw."
über keine anderen Vokabeln zum Beschreiben von
sexuellen Erlebnissen verfügen, eine Lehrstunde
nehmen. Es ist wie bei allem im Leben: Manche können
es, andere eben nicht.
Wilhelm
Genazino, einer der interessantesten, sprachgewaltigsten
und produktivsten deutschen Autoren, hat mit dem kleinen
Roman wieder einmal unter Beweis gestellt, dass er zu
den großen Gestaltern der zeitgenössischen
Literatur zählt. Viele Jahre lang blühte sein
schriftstellerisches Können im Verborgenen und
war nur wenigen Eingeweihten ein Begriff. Durch die
Verleihung des Georg-Büchner-Preises im vergangenen
Jahr hat er endlich die öffentliche Anerkennung
und Bekanntheit erlangt, die ihm und seinem Werk gebührt.
Ein tolles Buch!
(©
2005 Hartmut Faustmann für all-around-new-books.de)
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