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Wirtschaft, Politik & Zeitgeschichte

Weltmacht im Treibsand
Bush gegen die Ayatollahs

Autor: Peter Scholl-Latour

gebunden mit Schutzumschlag, 345 Seiten
3. Auflage 2004
Propyläen
ISBN: 3-549-07208-2
Preis: 24,00 Euro

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Klappentext:
Was Peter Scholl-Latour mit der ihm eigenen visionären Kraft vorausgesehen hat, ist eingetroffen: Nicht nur im Irak, im gesamten Nahen und Mittleren Osten entfaltet sich ein historisches Drama, das der Weltmacht USA schneller als erwartet ihre Grenzen aufzeigt. Aufgrund jüngster Eindrücke in der Konfliktregion und jahrzehntelanger Kenntnis der dort wirkenden politischen und religiösen Kräfte gelingt Scholl-Latour eine überzeugende Analyse dieses notorischen Brennpunkts der Weltpolitik.

(© 2004 Propyläen Verlag)


Buchbesprechung - Rezension:

Übersicht

Der Buchtitel kennzeichnet die Hauptthese: Im Krisenbogen von Pakistan bis Nordafrika ist die Politik der gegenwärtigen US-Administration völlig falsch und kontraproduktiv.

Das Buch besteht aus fünf Teilen.
Im ersten Teil gibt Peter Scholl-Latour - auch als "Sturmkrähe" oder "König der Unken" bekannt - einen Gesamtüberblick über die Lage.
Die anderen vier Teile enhalten persönliche Erfahrungsberichte, gespickt mit Interviews, aus Afghanistan, Iran, Irak und Libanon.
Der ausgewiesene Fachmann beschreibt, welche Auswirkungen das Tun des Westens unter US-amerikanischer Führung in Afghanistan, im Iran und Irak hat. Keine guten. Er stellt den Zusammenhalt der islamischen Welt dar - besonders der Schiiten von Teheran bis zur Hisbullah im Libanon.

Korrektiv gegen "Embedded Journalism"
Peter Scholl-Latour (PSL) war und ist ein brillianter Reporter. Er schreibt informativ, flüssig und spannend. Aus seiner reichen Erfahrung, gepaart mit seinem blitzgescheiten Verstand, gibt er uns eine ganz andere Lagebeurteilung als die sogenannten "embedded journalists". (Das sind sogenannte Journalisten, die eingebettet sind in die amerikanischen Truppen und denen jede Information und jedes Bild vorgeschrieben ist. "Embedded journalism" ist nur ein euphemistischer Ausdruck für real stattfindende Zensur. Die USA wollen auf diese Weise Berichte wie zur Zeit des Vietnamkrieges verhindern. Zum Beispiel ist die, an sich schon traurige Zahl der getöteten US-Soldaten falsch. Gezählt wird nur, wer sofort stirbt und nicht, wer etwa auf dem Weg zur Versorgung sein Leben aushaucht. Und die Bestattungen werden nicht gezeigt.)

Es ist hinreißend, wie PSL auch zwischen den Zeilen die Unfähigkeit und Inkompetenz zuständiger Stellen geißelt.

Das Buch beginnt mit dem Satz: "Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin." Im nächsten Satz spricht PSL von ehemaligen deutschen Pazifisten, die jetzt als Minister amtieren.
Das entspricht der Realität und löst befremdliche Assoziationen aus: Genau die ehemaligen Pazifisten, die niemals auch nur die Wehrpflicht absolvierten, schicken heute vom Ministersessel aus junge deutsche Soldaten nicht etwa nur auf den Balkan - von dem Bismarck sagte, er sei ihm nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers wert -, sondern auch nach Afghanistan, wo schon das englische Imperium und danach die UDSSR ihr Waterloo erlebten.
PSL konstatiert im ersten Absatz seines Buches, heute müsse man sagen: "Stell Dir vor, es gibt Krieg, und keiner weiß es!".

Warum die USA den Irak-Krieg strategisch verloren haben
Im allerersten Absatz kommt der Paukenschlag: "Welchem Bundesbürger ist denn wirklich bewusst, dass mit Inkrafttreten des Artikels V der Atlantischen Allianz nach dem 11. September 2001 die europäischen Staaten ... in einen globalen Feldzug gegen den Terrorismus verwickelt sind, der weder zeitliche noch räumliche Grenzen kennt?"

PSL kritisiert, dass der Feind in keiner Weise definiert ist. Um nicht in die Ecke des Antiamerikanismus abgedrängt zu werden, zitiert er Zbigniew Brzezinski, den ehemaligen Sicherheitsberater des Präsidenten Jimmy Carter. Dieser kritisiert das Schwarzweißdenken der gegenwärtigen Administration und meint, "Kampf gegen den Terrorismus" sei genauso, als habe man im Zweiten Weltkrieg nicht gegen die Nazis, sondern gegen den Blitzkrieg - eine Technik der Kriegsführung - gekämpft. Man müsse fragen, wer der Feind sei und was ihn bewege.

PSL kritisiert die in Deutschland praktizierte Selbstzensur der "political correctness", nennt einen israelischen Militärexperten, der konstatiert, die USA habe den Irak-Krieg bereits verloren und schließt sich dieser Meinung an. Wohlgemerkt: das Buch erschien zum Frühling 2004!

Die Strategen im Weißen Haus haben laut PSL langfristig zwei Optionen: Entweder installieren die USA ein amerikahöriges proamerikanisches Regime (das kann dann froh sein, wenn es so lange aushält wie der Schicksalsgefährte Nadschibullah in Kabul: Drei Jahre hielt er dem Druck der Mudschahhidin stand.) oder die USA anerkennen die Schlüsselrolle der Schiiten im Irak. Das führt zu einer islamischen Republik. Eine streng koranische, schiitisch ausgerichtete Grundausrichtung der neuen Verfassung wäre nicht zu vermeiden. Folglich wäre die "extrem naive" Ansicht von George W. Bush, im Irak einen mit parlamentarischer Demokratie und freier Marktwirtschaft ausgestatteten "Leuchtturm der Freiheit" zu schaffen, gescheitert.
Von dieser zweiten Option handelt ein Gutteil des Buches.

Das "Alte Europa"
Im Abschnitt "Rumsfeld gegen das Alte Europa" formuliert PSL den maliziösen Satz: "Wie weit die klassische Bildung des amerikanischen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld reicht, ist mir nicht bekannt."
Jedenfalls beruht Bildung nach wie vor auf der europäischen griechisch-römischen Antike; schon allein die Worte "Demokratie, Strategie" entstammen dem Hellenismus. Also ist es ein Unsinn, "Das Alte Europa" abwertend gebrauchen zu wollen, sowas wäre vielleicht als Witz einem Protagonisten der Micky Mous-Heftreihe zuzutrauen.

PSL analysiert Donald Rumsfelds negativ gemeinten Spruch von dem "Alten Europa" als Versuch, Osteuropa gegen "Old-Europe" auszuspielen und konstatiert, dass die jüngsten Kandidaten der EU-Erweiterung ihre wirtschaftliche Sanierung von Brüssel erwarten, während sie sich lieber in die Stars and Stripes der USA als in das, von Spöttern "Dornenkrone" genannte europäische Sternenbanner hüllen.

"Die türkische Lüge" oder: EU bis Kaukasus, Mesopotamien, Iran?
Im "Die türkische Lüge" überschriebenen Teil des ersten Kapitels referiert PSL seine Erfahrungen mit dem derzeitigen türkischen Regierungschef, der 1998 das Gespräch wegen des Mittagsgebets unterbrach.
Zitat, Seite 26: "Das erinnert mich daran, dass er zwei Jahre zuvor bei einem Deutschland-Aufenthalt das Westfalenstadion in Dortmund mit begeisterten türkischen Anhängern gefüllt hatte, die fast ausnahmslos der national-religiösen Bewegung "Milli Görüs" angehörten. Da war keine Frau ohne Kopftuch zugegen."

Zitat, Seite 27: "Während der angebliche "Christen-Club" des Abendlandes dem Religionsverzicht, ja dem Atheismus zuneigt, würde der neue Beitrittskandidat seine koranische Identität Schritt um Schritt betonen, woraus man ihm übrigens nicht den geringsten Vorwurf machen sollte. Hingegen muss man in Brüssel endlich zur Kenntnis nehmen, dass in der postkemalistischen Türkei in kürzester Frist weit mehr Moscheen gebaut wurden als in den langen Jahrhunderten der osmanischen Sultansherrschaft, dass die Gebetshäuser am Freitag stets überfüllt sind. Wer weiß schon in Deutschland, dass zumindest in den ländlichen Regionen kein Politiker eine Chance hat, Parlamentsabgeordneter zu werden, wenn er nicht die Unterstützung der örtlichen "Tarikat", der islamischen Sufi-oder Derwischbünde hat."

Zitat, Seite 28: "Die Türkei - heute 70 Millionen Einwohner - würde auf Grund ihrer Demographie bald zum zahlenstärksten Mitglied der Union. Die Aufnahme beinhaltet das freie Niederlassungsrecht für die Bürger aller Mitgliedsstaaten. Die türkischen Deutschland-Experten und Soziologen in Ankara und Istanbul hegen nicht den geringsten Zweifel, dass damit eine gewaltige Migration aus Anatolien in Richtung Deutschland stattfände, eine rapide Zuwanderung von mindestens 10 Millionen Menschen, darunter ein überproportional großer Anteil von Kurden. Die Bundesrepublik Deuschland verlöre damit nicht nur ihre ohnehin fragwürdige christliche, sondern auch ihre nationale Identität."

PSL warnt "bei aller Sympathie für die Türken, bei aller Anerkennung ihrer Tüchtigkeit, ihres Fleißes, ihrer Disziplin" vor einem "fatalen Kulturschock" besonders in den Wohngebieten der kleinen Leute und vor Auseinandersetzungen, mit denen verglichen die Streitfälle Baskenland und Nordirland als Kleinigkeiten erscheinen.

PSL warnt, die EU könne es sich nicht leisten, ihre Grenzzone bis zum Kaukasus, bis Mesopotamien und Iran vorzuschieben.

Irak
In diesem Kapitel arbeitet PSL unter anderem den Unterschied zwischen den britischen und den amerikanischen Soldaten heraus. Die amerikanischen Berufssoldaten entstammten durchweg der Unterschicht, seien oft intelligenz- und bildungsmäßig heillos überfordert und reagierten auf die für sie fremde Kultur mit hilfloser Wut, wodurch sie sich leider oft genug erst Feinde schaffen.
Den britischen Soldaten wurde zur Pflicht gemacht, wenigstens ein paar Brocken Arabisch zu erlernen. Dies verlangte man nicht von den US-Truppen.

Dass die sogenannten Massenvernichtungswaffen ein Fake waren, ist heute allgemein bekannt.

Erinnert sich noch jemand an das Märchen anlässlich des ersten Irakkrieges unter Bush-Vater? Von einer New Yorker PR-Agentur im Auftrag der damaligen amerikanischen Regierung wurde die Lüge ausgedacht, es hätten irakische Soldaten in Kuwait aus Brutkästen die Kinder herausgerissen. Das war erstunken und erlogen.

Al Qaida wurde von Saddam Hussein bis aufs Messer bekämpft: Es gab kein Al Qaida im Irak. Heute ist der Irak leider ein Dorado für Al Qaida-Anhänger.

Fazit
Peter Scholl-Latour wurde "greiser König der Unken" genannt. Und er hat Recht behalten.
Hier werden Sie erfahrungsgesättigt blitzgescheit informiert.
Die USA haben unter ihrer gegenwärtigen Administration die Büchse der Pandora geöffnet.
Schon vor rund vier Jahrhunderten sagte der schwedische Kanzler Oxenstierna: "An nescis, mi fili, quantilla prudentia regatur orbis?" (Weisst Du nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird?). Diese Feststellung hat mit Antiamerikanismus nichts zu tun: Am 17. Juni 2004 - also Monate nach Peter Scholl-Latours Buch - veröffentlichte das Weltblatt "Le Monde" auf Seite 19 einen Aufruf von amerikanischen früheren Staatssekretären, Botschaftern und Militärs, in dem sie mit dem gegenwärtigen Kurs ins Gericht gehen und konstatieren: "Die Probleme des 21. Jahrhunderts können weder mit militärischer Gewalt noch von der einzigen noch existierenden Supermacht gelöst werden."

(© 2004 Holger Roehlig für all-around-new-books.de)

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Weitere Bücher von Peter Scholl-Latour:

Der Fluch des neuen Jahrtausends
(TB, 2004)

Die Tragödie des Westens
(TB, 2003)

Afrikanische Totenklage
(TB, 2003)

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