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Klappentext:
Was Peter Scholl-Latour
mit der ihm eigenen visionären Kraft vorausgesehen hat,
ist eingetroffen: Nicht nur im Irak, im gesamten Nahen und
Mittleren Osten entfaltet sich ein historisches Drama, das
der Weltmacht USA schneller als erwartet ihre Grenzen aufzeigt.
Aufgrund jüngster Eindrücke in der Konfliktregion
und jahrzehntelanger Kenntnis der dort wirkenden politischen
und religiösen Kräfte gelingt Scholl-Latour eine
überzeugende Analyse dieses notorischen Brennpunkts der
Weltpolitik.
(©
2004 Propyläen
Verlag)
Buchbesprechung
- Rezension:
Übersicht
Der Buchtitel kennzeichnet die Hauptthese: Im Krisenbogen
von Pakistan bis Nordafrika ist die Politik der gegenwärtigen
US-Administration völlig falsch und kontraproduktiv.
Das
Buch besteht aus fünf Teilen.
Im
ersten Teil gibt Peter Scholl-Latour - auch als "Sturmkrähe"
oder "König der Unken" bekannt - einen
Gesamtüberblick über die Lage.
Die
anderen vier Teile enhalten persönliche Erfahrungsberichte,
gespickt mit Interviews, aus Afghanistan, Iran, Irak und Libanon.
Der ausgewiesene Fachmann beschreibt, welche Auswirkungen
das Tun des Westens unter US-amerikanischer Führung in
Afghanistan, im Iran und Irak hat. Keine guten. Er stellt
den Zusammenhalt der islamischen Welt dar - besonders der
Schiiten von Teheran bis zur Hisbullah im Libanon.
Korrektiv
gegen "Embedded Journalism"
Peter
Scholl-Latour (PSL) war und ist ein brillianter Reporter.
Er schreibt informativ, flüssig und spannend. Aus seiner
reichen Erfahrung, gepaart mit seinem blitzgescheiten Verstand,
gibt er uns eine ganz andere Lagebeurteilung als die sogenannten
"embedded journalists". (Das sind sogenannte Journalisten,
die eingebettet sind in die amerikanischen Truppen und denen
jede Information und jedes Bild vorgeschrieben ist. "Embedded
journalism" ist nur ein euphemistischer Ausdruck für
real stattfindende Zensur. Die USA wollen auf diese Weise
Berichte wie zur Zeit des Vietnamkrieges verhindern. Zum Beispiel
ist die, an sich schon traurige Zahl der getöteten US-Soldaten
falsch. Gezählt wird nur, wer sofort stirbt und nicht,
wer etwa auf dem Weg zur Versorgung sein Leben aushaucht.
Und die Bestattungen werden nicht gezeigt.)
Es
ist hinreißend, wie PSL auch zwischen den Zeilen die
Unfähigkeit und Inkompetenz zuständiger Stellen
geißelt.
Das
Buch beginnt mit dem Satz: "Stell Dir vor, es ist
Krieg, und keiner geht hin." Im nächsten Satz
spricht PSL von ehemaligen deutschen Pazifisten, die jetzt
als Minister amtieren.
Das entspricht der Realität und löst befremdliche
Assoziationen aus: Genau die ehemaligen Pazifisten, die niemals
auch nur die Wehrpflicht absolvierten, schicken heute vom
Ministersessel aus junge deutsche Soldaten nicht etwa nur
auf den Balkan - von dem Bismarck sagte, er sei ihm nicht
die Knochen eines pommerschen Grenadiers wert -, sondern auch
nach Afghanistan, wo schon das englische Imperium und danach
die UDSSR ihr Waterloo erlebten.
PSL konstatiert im ersten Absatz seines Buches, heute müsse
man sagen: "Stell Dir vor, es gibt Krieg, und keiner
weiß es!".
Warum
die USA den Irak-Krieg strategisch verloren haben
Im
allerersten Absatz kommt der Paukenschlag: "Welchem
Bundesbürger ist denn wirklich bewusst, dass mit Inkrafttreten
des Artikels V der Atlantischen Allianz nach dem 11. September
2001 die europäischen Staaten ... in einen globalen Feldzug
gegen den Terrorismus verwickelt sind, der weder zeitliche
noch räumliche Grenzen kennt?"
PSL
kritisiert, dass der Feind in keiner Weise definiert ist.
Um nicht in die Ecke des Antiamerikanismus abgedrängt
zu werden, zitiert er Zbigniew Brzezinski, den ehemaligen
Sicherheitsberater des Präsidenten Jimmy Carter. Dieser
kritisiert das Schwarzweißdenken der gegenwärtigen
Administration und meint, "Kampf gegen den Terrorismus"
sei genauso, als habe man im Zweiten Weltkrieg nicht gegen
die Nazis, sondern gegen den Blitzkrieg - eine Technik der
Kriegsführung - gekämpft. Man müsse fragen,
wer der Feind sei und was ihn bewege.
PSL
kritisiert die in Deutschland praktizierte Selbstzensur der
"political correctness", nennt einen israelischen
Militärexperten, der konstatiert, die USA habe den Irak-Krieg
bereits verloren und schließt sich dieser Meinung an.
Wohlgemerkt: das Buch erschien zum Frühling 2004!
Die
Strategen im Weißen Haus haben laut PSL langfristig
zwei Optionen: Entweder
installieren die USA ein amerikahöriges proamerikanisches
Regime (das kann dann froh sein, wenn es so lange aushält
wie der Schicksalsgefährte Nadschibullah in Kabul: Drei Jahre
hielt er dem Druck der Mudschahhidin stand.) oder
die USA anerkennen die Schlüsselrolle der Schiiten im Irak.
Das führt zu einer islamischen Republik. Eine streng koranische,
schiitisch ausgerichtete Grundausrichtung der neuen Verfassung
wäre nicht zu vermeiden. Folglich wäre die "extrem naive"
Ansicht von George W. Bush, im Irak einen mit parlamentarischer
Demokratie und freier Marktwirtschaft ausgestatteten "Leuchtturm
der Freiheit" zu schaffen, gescheitert.
Von
dieser zweiten Option handelt ein Gutteil des Buches.
Das
"Alte Europa"
Im Abschnitt "Rumsfeld gegen das Alte Europa"
formuliert PSL den maliziösen Satz: "Wie weit
die klassische Bildung des amerikanischen Verteidigungsministers
Donald Rumsfeld reicht, ist mir nicht bekannt."
Jedenfalls
beruht Bildung nach wie vor auf der europäischen griechisch-römischen
Antike; schon allein die Worte "Demokratie, Strategie"
entstammen dem Hellenismus. Also ist es ein Unsinn, "Das
Alte Europa" abwertend gebrauchen zu wollen, sowas
wäre vielleicht als Witz einem Protagonisten der Micky
Mous-Heftreihe zuzutrauen.
PSL analysiert Donald Rumsfelds negativ gemeinten Spruch von
dem "Alten Europa" als Versuch, Osteuropa gegen
"Old-Europe" auszuspielen und konstatiert, dass
die jüngsten Kandidaten der EU-Erweiterung ihre wirtschaftliche
Sanierung von Brüssel erwarten, während sie sich
lieber in die Stars and Stripes der USA als in das, von Spöttern
"Dornenkrone" genannte europäische Sternenbanner
hüllen.
"Die
türkische Lüge" oder: EU bis Kaukasus, Mesopotamien,
Iran?
Im
"Die türkische Lüge" überschriebenen
Teil des ersten Kapitels referiert PSL seine Erfahrungen mit
dem derzeitigen türkischen Regierungschef, der 1998 das
Gespräch wegen des Mittagsgebets unterbrach.
Zitat, Seite 26: "Das erinnert mich daran, dass er
zwei Jahre zuvor bei einem Deutschland-Aufenthalt das Westfalenstadion
in Dortmund mit begeisterten türkischen Anhängern
gefüllt hatte, die fast ausnahmslos der national-religiösen
Bewegung "Milli Görüs" angehörten.
Da war keine Frau ohne Kopftuch zugegen."
Zitat, Seite 27: "Während der angebliche "Christen-Club"
des Abendlandes dem Religionsverzicht, ja dem Atheismus zuneigt,
würde der neue Beitrittskandidat seine koranische Identität
Schritt um Schritt betonen, woraus man ihm übrigens nicht
den geringsten Vorwurf machen sollte. Hingegen muss man in
Brüssel endlich zur Kenntnis nehmen, dass in der postkemalistischen
Türkei in kürzester Frist weit mehr Moscheen gebaut
wurden als in den langen Jahrhunderten der osmanischen Sultansherrschaft,
dass die Gebetshäuser am Freitag stets überfüllt
sind. Wer weiß schon in Deutschland, dass zumindest
in den ländlichen Regionen kein Politiker eine Chance
hat, Parlamentsabgeordneter zu werden, wenn er nicht die Unterstützung
der örtlichen "Tarikat", der islamischen Sufi-oder
Derwischbünde hat."
Zitat, Seite 28: "Die Türkei - heute 70 Millionen
Einwohner - würde auf Grund ihrer Demographie bald zum
zahlenstärksten Mitglied der Union. Die Aufnahme beinhaltet
das freie Niederlassungsrecht für die Bürger aller
Mitgliedsstaaten. Die türkischen Deutschland-Experten
und Soziologen in Ankara und Istanbul hegen nicht den geringsten
Zweifel, dass damit eine gewaltige Migration aus Anatolien
in Richtung Deutschland stattfände, eine rapide Zuwanderung
von mindestens 10 Millionen Menschen, darunter ein überproportional
großer Anteil von Kurden. Die Bundesrepublik Deuschland
verlöre damit nicht nur ihre ohnehin fragwürdige
christliche, sondern auch ihre nationale Identität."
PSL
warnt "bei aller Sympathie für die Türken,
bei aller Anerkennung ihrer Tüchtigkeit, ihres Fleißes,
ihrer Disziplin" vor einem "fatalen Kulturschock"
besonders in den Wohngebieten der kleinen Leute und vor Auseinandersetzungen,
mit denen verglichen die Streitfälle Baskenland und Nordirland
als Kleinigkeiten erscheinen.
PSL
warnt, die EU könne es sich nicht leisten, ihre Grenzzone
bis zum Kaukasus, bis Mesopotamien und Iran vorzuschieben.
Irak
In
diesem Kapitel arbeitet PSL unter anderem den Unterschied
zwischen den britischen und den amerikanischen Soldaten heraus.
Die amerikanischen Berufssoldaten entstammten durchweg der
Unterschicht, seien oft intelligenz- und bildungsmäßig
heillos überfordert und reagierten auf die für sie
fremde Kultur mit hilfloser Wut, wodurch sie sich leider oft
genug erst Feinde schaffen.
Den britischen Soldaten wurde zur Pflicht gemacht, wenigstens
ein paar Brocken Arabisch zu erlernen. Dies verlangte man
nicht von den US-Truppen.
Dass die sogenannten Massenvernichtungswaffen ein Fake waren,
ist heute allgemein bekannt.
Erinnert sich noch jemand an das Märchen anlässlich
des ersten Irakkrieges unter Bush-Vater? Von einer New Yorker
PR-Agentur im Auftrag der damaligen amerikanischen Regierung
wurde die Lüge ausgedacht, es hätten irakische Soldaten
in Kuwait aus Brutkästen die Kinder herausgerissen. Das
war erstunken und erlogen.
Al
Qaida wurde von Saddam Hussein bis aufs Messer bekämpft:
Es gab kein Al Qaida im Irak. Heute ist der Irak leider ein
Dorado für Al Qaida-Anhänger.
Fazit
Peter
Scholl-Latour wurde "greiser König der Unken"
genannt. Und er hat Recht behalten.
Hier
werden Sie erfahrungsgesättigt blitzgescheit informiert.
Die
USA haben unter ihrer gegenwärtigen Administration die
Büchse der Pandora geöffnet.
Schon
vor rund vier Jahrhunderten sagte der schwedische Kanzler
Oxenstierna: "An nescis, mi fili, quantilla prudentia
regatur orbis?" (Weisst Du nicht, mein Sohn, mit wie
wenig Verstand die Welt regiert wird?). Diese
Feststellung hat mit Antiamerikanismus nichts zu tun: Am 17.
Juni 2004 - also Monate nach Peter Scholl-Latours Buch - veröffentlichte
das Weltblatt "Le Monde" auf Seite 19 einen Aufruf
von amerikanischen früheren Staatssekretären, Botschaftern
und Militärs, in dem sie mit dem gegenwärtigen Kurs
ins Gericht gehen und konstatieren: "Die Probleme
des 21. Jahrhunderts können weder mit militärischer
Gewalt noch von der einzigen noch existierenden Supermacht
gelöst werden."
(©
2004 Holger Roehlig für all-around-new-books.de)
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